Wer schon mal eine Rundfahrt durch den Hamburger Hafen gemacht hat, kennt die Anekdoten und „Fun Facts“, mit denen die Barkassenkapitäne ihre Passagiere zu unterhalten pflegen. Eine Frage kommt fast immer: Welche europäische Stadt hat die meisten Brücken – Hamburg oder Venedig? Die Antwort ist selbst für manche Hanseaten überraschend: In der Lagunenstadt Venedig gibt es rund 440 Brücken, in Hamburg jedoch mehr als 2.400. Tatsächlich aber sind es noch wesentlich mehr, denn die Elbmetropole hat insgesamt mindestens 1.500 Fahrtreppen beziehungsweise Rolltreppen, wie sie meist genannt werden. Und die sind aus technischer Sicht nichts anderes als Brücken, wie Tobias Jäger weiß. Der studierte Maschinenbauer ist Geschäftsführer des Hamburger Standorts von TK Elevator, dem einzigen noch existierenden Rolltreppenwerk in Deutschland. Jäger erklärt: „Eine Fahrtreppe ist im Grunde eine Stahlbrücke, in die ein umlaufendes Ketten- und Stufensystem integriert wurde. Wenn Ingenieure eine solche Konstruktion planen, berechnen sie diese nach den gleichen physikalischen Prinzipien wie eine klassische Fußgängerbrücke.“

Entstanden aus einer Schlosserei
Das Werk im Stadtteil Billbrook wurde 1908 gebaut, aber die Historie des Unternehmens reicht noch weiter zurück, nämlich bis ins Jahr 1865. Damals gründete der Hamburger Heinrich Conrad Eggers in der Altstadt eine kleine Schlosserei, die sich rasch entwickelte und bald auch im industriellen Stahlhochbau erfolgreich war. Der Betrieb fertigte unter anderem Tresore und die ersten Fahrstuhlanlagen im alten Elbtunnel. 1955 übernahm Eggers die Aufzugsfabrik Kehrhahn, womit die Rheinstahl Eggers-Kehrhahn GmbH entstand, die unter anderem Paternoster-Aufzüge produzierte und 1961 das Stahlgerüst für das bekannte Unilever-Hochhaus in Hamburg baute

Das Werkgelände des Unternehmens war seinerzeit die größte zusammenhängende Hallenfläche der Hansestadt. Auch heute noch beeindruckt das Areal zwischen Bille und Bergedorfer Straße mit seinen Dimensionen. Vertriebschef Karsten Kambach nennt konkrete Zahlen: „Wir haben hier eine Fläche von insgesamt 125.000 Quadratmetern, rund 40 Prozent davon unter Dach, und sind daher in der Lage, auch übergroße Fahrtreppen zu bauen.“
Ein Beispiel dafür findet sich in der Halle G, in der gerade eine Fahrtreppe für den Leipziger Bahnhof montiert wird. Karsten Kambach: „Dieses Modell ist selbst für uns außergewöhnlich. Es handelt sich um eine ‚up over up‘-Konstruktion, was bedeutet, dass der Benutzer zunächst aufwärts fährt, dann einige Meter nach vorn und anschließend weiter nach oben. Der Kunde hat sich das so gewünscht, und unsere Konstrukteure haben es möglich gemacht.“

Dass Aufträge dieser Art perfekt umgesetzt werden können, ist vor allem dem außergewöhnlichen Know-how der Beschäftigten zu verdanken. Viele der rund 400 Beschäftigten von TK Elevator in Hamburg sind seit etlichen Jahren dabei, und einige von ihnen arbeiten bereits in zweiter oder dritter Generation hier.
Irfan Yakar ist ein gutes Beispiel dafür. Sein Vater, der aus der Türkei nach Deutschland kam, war bis zur Rente in dem Betrieb, und als Irfan 1990 die Schule beendet hatte, fing er ebenfalls hier an und machte eine Ausbildung als Industriemechaniker.

„Nach der Lehre bin ich geblieben und habe es nie bereut“, erzählt der 51-Jährige. „Die Arbeit macht großen Spaß, und wir sind ein tolles Team.“
Zu diesem Team gehören übrigens auch sein Schwager, sein Bruder und seit einigen Jahren sein Sohn, der sich ebenfalls für eine Industriemechaniker-Lehre entschieden hat. Irfan Yakar sagt: „Er ist jetzt im letzten Ausbildungsjahr, und ich gehe davon aus, dass er anschließend hier bleibt. Und wenn er dann später mal eigene Kinder hat, wird mindestens eines davon seine Ausbildung bei uns machen – da bin ich ziemlich sicher.“
In Sachen Ausbildung hat TK Elevator einiges zu bieten. Vertriebschef Karsten Kambach erläutert: „Wir haben eine gut ausgestattete Lehrwerkstatt und sehr erfahrene Ausbilder, die einen tollen Job machen. Außerdem gibt es bei uns neben den klassischen M+E-Ausbildungsberufen im gewerblichen und kaufmännischen Bereich die Möglichkeit, ein duales Studium zu absolvieren.“

Auf die jungen Nachwuchskräfte und ihre älteren Kollegen könnten spannende Zeiten zukommen, denn TK Elevator soll demnächst veräußert und dadurch Teil eines großen Konzerns werden, der mit einem Gesamtumsatz von rund 20 Milliarden Euro der neue Weltmarktführer in seinem Bereich wäre. Hintergrund: Ende April 2026 teilte der finnische Aufzug- und Fahrtreppenhersteller Kone mit, dass er TK Elevator übernehmen will. So sei es mit den Finanzinvestoren Advent und Cinven vereinbart worden, die das Unternehmen im Jahr 2020 gemeinsam mit anderen Beteiligten vom Industriekonzern Thyssenkrupp gekauft und das Geschäft in den Jahren danach durch mehrere Zukäufe ausgebaut hatten.

„Durch die geplante Kombination“, so der TKE-Vorstand in einem ersten Statement, „würden Kunden von einem noch breiteren und innovativeren Serviceund Produktangebot, deutlich erhöhten Investitionen in Forschung und Entwicklung, erweiterten Modernisierungskapazitäten sowie einem außergewöhnlichen Servicenetzwerk profitieren.“

Zuversicht am Standort Hamburg
Rund 100.000 Beschäftigte hätten damit die Möglichkeit, „in einem der ambitioniertesten und innovativsten Industrieunternehmen der Welt zu wachsen und sich zu entfalten – mit der nötigen Reichweite und den Ressourcen, um sowohl in Menschen als auch in Produkte zu investieren und diese weiterzuentwickeln.“ TKE-CEO Uday Yadav: „Der beste Teil unserer Geschichte liegt noch vor uns.“
Welche Effekte die Übernahme, wenn sie vom Kartellamt abgesegnet wird, für den Standort Hamburg hätte, lässt sich noch nicht absehen, aber Geschäftsführer Tobias Jäger ist zuversichtlich. „Wir haben hier mit unserer Belegschaft über viele Jahrzehnte eine hohe Expertise und ein Netzwerk aufgebaut, das einzigartig ist. Von hier aus können wir den europäischen Markt perfekt bedienen.“
Unser Video: Einziges Fahrtreppen-Werk in Deutschland
Fotos: Julius Dill; Christian Augustin