Zwei Hände tauschen eine Glühbirne aus, Symbol für neue Ideen und Innovationen. Zwei Hände tauschen eine Glühbirne aus, Symbol für neue Ideen und Innovationen.

Know-how, das in keinem Handbuch steht

Wenn langjährige Fachkräfte ausscheiden, gehen mit ihnen oft praktische Kniffe, gewachsenes Wissen, ein Gespür für Anlagen, Materialien und Prozesse. Die Sicherung dieses Erfahrungsschatzes ist in der Metall- und Elektroindustrie längst eine strategische Aufgabe.

Der Ruhestand am Ende eines langen Arbeitslebens kommt nicht überraschend. Wenn allerdings besonders viele erfahrene Mechaniker kurz hintereinander die Werkbank verlassen, kann das zum Auslöser für etwas Größeres werden. Der Maschinenbauer Broetje-Automation setzte etwa das Thema Wissensdatenbank auf seine Agenda: „Da ist so viel Wissen zwischen den Zeilen, das von einem zum anderen weitergegeben wird, wir wollen es aufschreiben und systematisieren“, sagt Andreas Krumdiek. Der Senior Manager war bis vor Kurzem noch Leiter der Broetje-Automation Academy, jetzt ist er Wissensmanager. Eine neu eingerichtete Stelle, betont er, schließlich mache sich eine Wissensdatenbank nicht von allein, auch nicht, wenn jede Menge KI-Tools damit verbunden werden. „Das benötigt die Unterstützung der Geschäftsführung, Vorgesetzten und auch der Menschen, die damit arbeiten.“

Daher hat Krumdiek auch nicht einfach die Softwarelösung ausgewählt, die ihm am geeignetsten erschien, sondern unterschiedliche Systeme testen lassen. „Wenn man den Beschäftigten keine Möglichkeit gibt, das zu hinterfragen, sind 90 Prozent damit unzufrieden.“ Für welchen Knowledge-Hub sich das Unternehmen entschieden hat, will Krumdiek aus Sicherheitsgründen nicht verraten. Nur so viel: Die Plattformbetreiber sitzen in Deutschland, es gebe Features wie strukturierte Entscheidungsbäume und das System sei leicht zu füttern. „Man lädt sein Dokument nur hoch, das System ordnet es einer Tabelle mit Key Words zu, die jederzeit modifiziert werden kann.“

Hand hält eine Box mit Fragezeichen, Symbol für Geheimnisse oder Wissen.

Sekundenschnell verfügbar

Broetje-Automation baut Maschinen für die Luftfahrtindustrie mit komplexen Funktionseinheiten und Null-Fehlertoleranz. In der alten Welt wurde bei Problemen nach dem Konstrukteur gefahndet, der die Maschine entwickelt hat – oder seinen Unterlagen. „Das kostet einfach nur Zeit, das wertvollste Gut, das wir haben“, so der Wissensmanager. Die neue Welt, die er gerade aufbaut, will das gesuchte Wissen sekundenschnell verfügbar machen. „Wissensartikel sowie alle Wünsche, Ideen und Notizen dazu – auf einer Plattform vereint.“ Nach der vollständigen Implementierung soll künftig jeder Beschäftigte eigene Wissensartikel einstellen können, die ein Chatbot prüft, verständlich überarbeitet und von vorher bestimmten Key-Usern freigeben lässt.

Einerseits technisches Know-how bewahren und weitergeben, es andererseits vor Missbrauch schützen: Das ist die Krux beim Thema Wissenstransfer. Die gegenseitige Geheimhaltung und eine modulare Rechtevergabe sind daher das A und O. „Die Unternehmen sollten sich beraten lassen, bevor sie solche Verträge abschließen“, rät Eleonora Wewer, NORDMETALL-Referentin für betriebliche Weiterbildung. Das Thema Wissensmanagement treffe aktuell einen Nerv und sei überlebenswichtig. „Die beste Zeit, sich damit zu beschäftigen, ist jetzt“, sagt Wewer. Eine Zeit, in der KI-Tools täglich besser und kostengünstiger werden, spiele auch kleinen Unternehmen in die Hände: „Das macht es für jeden einzelnen und jeden Betrieb leichter zugänglich.“

Für den Erfolg nennt die Referentin zwei Voraussetzungen. Erstens dürfe Wissenstransfer nicht als zeitlich begrenztes Projekt verstanden werden, sondern als ein Prozess, bei dem Menschen dauerhaft mit- und voneinander lernen. Zweitens sollte der Prozess organisch wachsen können und Raum für Initiativen der Beschäftigten und generationsübergreifende Zusammenarbeit lassen. „Wenn die Betriebe der Überzeugung sind, das Wissen gehöre eher der älteren Generation, dann funktioniert das nicht.“ Wie Wissensmanagement zur betrieblichen DNA werden kann, demonstriere das Beispiel Dräger, sagt Wewer.

Zwei Hände halten eine Glühbirne, die wie eine Glühbirne aussieht.

Fragen „an die intelligente Crowd“

Seit mehr als zehn Jahren digitalisiert der Hersteller für Medizin- und Sicherheitstechnik seine Lernangebote unter dem Dach einer zentralen Schulungseinrichtung. „Corona hat dem Ganzen noch mal Schub gegeben“, sagt Christian Höck, Head of Global Academy. Acht Medientechniker stehen ihm zur Seite, um Anwendungsvideos im Studio zu produzieren oder aus virtuellen Klassenräumen Lernsequenzen aufzuzeichnen, die Azubis wie Manager gern anschauen, weil sie professionell gemacht sind und auf den Punkt kommen. Es gehe aber auch eine Nummer kleiner: „Die Technik schreitet rasant voran, man braucht ein gutes Redaktionstool und kann sich da schnell einarbeiten“, so Höck.

Für den Aufbau einer internen Wissensdatenbank und die Dokumentation von Erfahrungswissen seien Videos allerdings ungeeignet. Dafür habe Dräger das Tool „Wissensnetzwerk“ etabliert, wo Beschäftigte anonym Fragen „an die intelligente Crowd“ stellen können. Das System leitet die Frage aber auch gezielt an passende Expertinnen und Experten weiter, dadurch wächst die Frage-Antwort-Basis und Wissen bleibt im Unternehmen gespeichert. Parallel soll die aktive Ansprache von Referentinnen und Referenten infolge von Veranstaltungen und die Sicherung der Materialien und Aufzeichnungen ausgebaut werden. „Wir möchten unbedingt auch das Erfahrungswissen konservieren und dokumentieren“, sagt Höck.

Die Bereitschaft, Wissen zu teilen, gehe mit dem Wunsch einher, sich weiterzubilden. „Die Motivation ist groß, das Teilen macht Spaß, aber auch das Konsumieren und Lernen“, betont der Academy-Leiter und berichtet von einer aktuellen Session auf der Dräger-eigenen Plattform „We- Learn“ zur KI-Kennzeichnungspflicht: 160 Beschäftigte aus der ganzen Welt haben sich dafür freiwillig zugeschaltet. Vom Lernvideo bis zum Peer Learning – die Academy macht Angebote. Ob sie angenommen werden, entscheiden die Beschäftigten. „Jeder ist selbst verantwortlich für seine eigene Weiterentwicklung“, sagt Höck.

Ohne Akzeptanz und Austausch kein Wissenstransfer – daher ist Andreas Krumdiek dankbar für die klaren Worte aus der Montage und Inbetriebnahme von Broetje-Automation: „Viele finden den KI-Assistenten einfach geil.“ Auch vom Nachwuchs erhofft sich Krumdiek eine hohe Akzeptanz und Mitwirkung: „Die jungen Leute sollen aufschreiben, was sie von den Altgesellen gezeigt bekommen, das ist ja für die Nachwelt und hat mit Arbeitsplatzsicherung zu tun.“ Der Knowledge Hub unterstützt die Beschäftigten, aber kann sie nicht ersetzen, weil eine Grundausbildung vorausgesetzt werde. Das gilt auch für Krumdieks eigenen Arbeitsplatz: „Das System ist ja nie fertig, es soll wachsen und immer besser werden.“

Kontakt:
Eleonora Wewer
Tel.: 040 6378-4209
E-Mail: wewer@nordmetall.de

Illustrationen: stock.adobe.com / Andrii

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