Björn Sommer lächelnd bei einem Termin im Büro. Björn Sommer lächelnd bei einem Termin im Büro.

Termin beim Chef: Björn Sommer, Emder Werft und Dock

Björn Sommer, Managing Director der Emder Werft und Dock GmbH, kommt von der Basis und führt die Traditionswerft mit hanseatischem Pragmatismus durch den Auftragsboom.

Wer Björn Sommer auf dem weitläufigen Areal der Emder Werft und Dock GmbH (EWD) sucht, trifft ihn häufig draußen an den Kaimauern oder in den Docks. Der Managing Director des Traditionsunternehmens an der Ems ist kein Mann für Maßanzug, Krawatte und Manschettenknöpfe. Stattdessen trägt der 55-Jährige oft genug Blaumann, Sweater und Schutzhelm. Sommer kommt von der Basis: Gelernt hat er im Maschinenbauhandwerk im heimischen Nordenham, über den zweiten Bildungsweg arbeitete er sich zum Techniker hoch, jahrelang war er weltweit für den Motorenbauer MaK im Einsatz, später agierte er als Flottenmanager einer Reederei.

Dass er heute an der Spitze eines Standorts steht, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1903 zurückreichen – gegründet als „Nordseewerke Emder Werft und Dock Aktien-Gesellschaft“ –, begreift er nicht als Chefsessel-Mandat, sondern als handfeste Verpflichtung. Wenn bei kniffligen Großprojekten Not am Mann ist, klettert Sommer selbst in die Schiffstanks, begutachtet Stahlstrukturen und kalkuliert Angebote persönlich.

Björn Sommer, Managing Director der Emder Werft und Dock GmbH, präsentiert sich am liebsten hemdsärmelig.
Björn Sommer, Managing Director der Emder Werft und Dock GmbH, präsentiert sich am liebsten hemdsärmelig.

Das kalkulierte Chaos des Ad-hoc-Geschäfts

Dieses Selbstverständnis ist kein Understatement, sondern Ausdruck eines präzisen Gespürs für die ostfriesische Mentalität. Die Werft hat in mehr als 120 Jahren etliche Eignerwechsel, Sanierungen und Zäsuren überstanden – von den Gründerjahren über Stinnes, Rheinstahl und ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) bis hin zu Finanzinvestoren. Doch während der deutsche Schiffsneubau in den vergangenen Jahrzehnten unter dem asiatischen Preisdruck stark erodierte, blieb ein Pfeiler krisenfest: das Reparaturgeschäft in Emden.

Als Sommer 2020 das Ruder übernahm, vollzog sich der Eigentümerwechsel von einer Hamburger Investorengruppe an die inhabergeführte Benli-Gruppe aus Bremerhaven. Die Aufgabe lautete ursprünglich: den defizitären Betrieb binnen zwei bis drei Jahren aus den roten Zahlen führen und dann wieder an die Weser zurückkehren. Geblieben ist er bis heute. Jeden Morgen pendelt Sommer 115 Kilometer aus Butjadingen nach Emden – gemeinsam mit einem Projektleiter im Wagen; die erste operative Lagebesprechung findet auf der Bundesstraße statt.

Aus der einstigen Neubau-Werft hat das Team eine hochgradig spezialisierte Reparatur- und Umbauwerft geformt. Ein Geschäft, das mit den getakteten Fertigungsstraßen der Großindustrie kaum etwas gemein hat. Im Reparaturdock gibt es keine verlässlichen Stücklisten. Ob Maschinenschaden, Rumpfverformung nach einer Havarie oder die Nachrüstung komplexer Abgasreinigungsanlagen (Scrubber) und Ballastwasser-Systeme: Erst wenn der Rumpf trockenfällt und die Isolierung abgetragen ist, offenbart sich das wahre Ausmaß. „Wir leben vom Zufall. Die Kirsche auf der Sahnetorte ist für uns die Havarie da draußen“, formuliert Sommer ungeschminkt. Um in diesem unberechenbaren Ad-hoc-Markt zu bestehen, setzt EWD auf eine Fertigungstiefe, die andernorts längst dem Rotstift zum Opfer fiel. Vom eigenen Rohrbau bis zur schweren Zerspanung hält der Betrieb zentrale Gewerke im eigenen Haus. Was nicht sofort passt, wird vor Ort passend gemacht – an sieben Tagen die Woche, rund um die Uhr.

Zwischen Fließband-Krise und Werft-Renaissance

Rund 150 Stammbeschäftigte arbeiten bei EWD. Rechnet man die flexiblen Kapazitäten der Benli-Gruppe und Partnerbetriebe hinzu, passieren an Spitzentagen bis zu 800 Fachkräfte das Werfttor. Eine Hebelwirkung, die das Unternehmen vor Auslastungsdellen schützt und zugleich die internationale Wettbewerbsfähigkeit gegenüber preisgünstiger arbeitenden Werften in Polen oder dem Baltikum sichert.

„Das Unternehmen gehört gedanklich der Belegschaft und den Ostfriesen. Ich sage ganz oft: Ich werde hier eigentlich nur geduldet.“

Björn Sommer

Dabei profitiert das Unternehmen paradoxerweise von den Verwerfungen am Standort Emden. Jahrelang saugte das benachbarte Volkswagen-Werk die technischen Talente der Region mit hochattraktiven Konditionen ab. Angesichts der aktuellen Transformationskrisen und der Unsicherheiten in der Automobilindustrie hat sich der Wind gedreht: Immer mehr Facharbeiter und junge Nachwuchskräfte kehren der Bandarbeit den Rücken und heuern bei EWD an – angezogen von handwerklicher Substanz und vollen Auftragsbüchern.

Mit einem Organisationsgrad von rund 90 Prozent ist die IG Metall im Haus traditionell stark. Sommer pflegt einen erstaunlich pragmatischen Austausch mit dem Betriebsrat. „Wir sprechen völlig offen über Kostendruck und Fremdvergaben. Wenn wir alles ausschließlich über Tariflöhne abwickeln würden, könnten wir gegen die europäische Konkurrenz schlicht nicht bestehen“, stellt Sommer klar. Die Arbeitnehmervertreter wüssten genau, wie hart der Markt kalkuliert ist, und zögen mit, um den wiedererlangten Wohlstand nicht zu gefährden.

Auftragsboom: Von Frachtern bis zur Bundesmarine

Die Nachfrage gibt dem Kurs recht. Die knapp zwei Kilometer Kaikante sind fast durchgehend belegt. Im zivilen Bereich – dem eigentlichen Kerngeschäft von Offshore-Errichtern über Traditionsschiffe bis hin zu Frachtern und kleineren Kreuzfahrtschiffen – reicht der Vorlauf bis weit ins nächste Jahr.

Zusätzlichen Schub verleiht die geopolitische Zeitenwende. Die sogenannte „graue Ware“ – Instandsetzungs- und Modernisierungsaufträge für die Deutsche Marine – macht inzwischen rund 30 Prozent des Geschäfts aus. Die Buchungen reichen hier bereits bis ins kommende Jahrzehnt. Um den wachsenden Kapazitätsanforderungen gerecht zu werden, sicherte sich die Gruppe das Schwimmdock der ehemaligen Lindenau-Werft aus Kiel und überführte es durch den Nord-Ostsee- Kanal an die Ems. Sollte Emden im Zuge der verteidigungspolitischen Neuausrichtung offiziell zum Marine-Basishafen bestimmt werden, stünde der nächste Expansionsschritt bereits fest.

Allerdings bremst der berüchtigte Beschaffungsapparat den Elan. Zwischen dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) in Koblenz, dem Ministerium und den operativen Flottendienststellen mahlen die Mühlen immer noch langsam. Zwar sei der politische Wille zur Beschleunigung spürbar, doch in der Praxis bleibe „extrem viel Luft nach oben“, konstatiert Sommer diplomatisch.

Pioniere im Dickicht des Abfallrechts

Wie schwer sich der Industriestandort Deutschland mit echter Innovation tut, erlebte Sommer beim jüngsten Großprojekt: Gemeinsam mit der Muttergesellschaft gründete die Traditionswerft die Tochter EWD Benli Recycling und etablierte sich als erste zertifizierte Schiffsrecycling-Werft der Bundesrepublik. Statt ausgediente Tonnage unter verheerenden Bedingungen an den Abwrackstränden Südasiens auf Grund laufen zu lassen, zerlegt EWD maritime Großstrukturen nach strengsten europäischen Umweltstandards im Trockendock.

Was industriepolitisch wie ein Musterbeispiel für zirkuläre Wirtschaft klingt, geriet zum Behördenmarathon. Der Grund: Während Schiffbau und Reparatur dem Produktrecht unterliegen, greift beim kontrollierten Rückbau unerbittlich das Abfallrecht.

„Wir verwalten uns in vielen Bereichen tot. Muss man wirklich immer eine Sicherheit von 200 Prozent haben?“

Björn Sommer

Hanseatischer Handschlag statt Konzernbürokratie

Zweieinhalb Jahre zäher Verhandlungen, zahllose Gutachten und immense Summen für Juristen und Prüfer waren nötig, um die Bundes-Immissionsschutzgenehmigung (BImSchG) anzupassen – obwohl auf dem historischen Gelände früher ein Vielfaches an Emissionen völlig legal anfiel. Behörden in Oldenburg, Emden und Hannover drehten sich im Kreis, um im regulatorischen Neuland keine formalen Fehler zu begehen. Dass das Vorhaben dennoch gelang, verdankt Sommer auch den pragmatischen Emdern: Während Industrieansiedlungen vielerorts auf Bürgerproteste treffen, gab es aus der Stadt keinen einzigen Einwand. Der weithin sichtbare, denkmalgeschützte Bockkran der ehemaligen Nordseewerke ist für die Emder Identifikationsmerkmal und Zukunftsversprechen zugleich.

Getragen wird diese Wachstumsdynamik von einer seltenen Eignerkonstellation. Hinter Sommer steht die Bremerhavener Benli-Gruppe – ein inhabergeführtes Familienunternehmen rund um Gründer Mustafa Benli. Dieser kam einst als Flüchtling nach Deutschland, arbeitete sich sprichwörtlich mit Winkelschleifer und Putzlappen nach oben und baute gemeinsam mit seiner Familie ein breit aufgestelltes maritimes Dienstleistungsimperium auf. Das Tandem Sommer-Benli funktioniert ohne zeitraubende Gremiensitzungen: Vertrauen ersetzt Kontrollwahn. Dieses Prinzip überträgt Sommer auf seine Kunden. Die maritime Welt sei klein, man begegne sich immer mehrmals im Leben. Bei langjährigen Stammkunden werden Millionenverträge nicht selten noch immer per Handschlag besiegelt.

Privat findet der Werftchef den Ausgleich auf dem Wasser. Gemeinsam mit seinem Sohn restaurierte er eine uralte, gaffelgetakelte Holzketsch, die drei Jahrzehnte lang vergessen in einer Scheune gestanden hatte. Wenn der Terminkalender es erlaubt, kreuzt er damit vor den Ostfriesischen Inseln. Kein Hightech-Renner, sondern ein Schiff mit Charakter, das Wind und Wetter trotzt. Ganz wie die Werft, die Björn Sommer führt.

Unser Video über EWD-Chef Björn Sommer:

Emder Werft und Dock GmbH (EWD)

Sie ist eine der modernsten Reparaturwerften Deutschlands – und versteht sich auf Tradition: 1903 als Nordseewerke Emden gegründet, beschäftigt die Emder Werft und Dock GmbH heute ein rund 150-köpfiges Expertenteam, das Umbauten, Reparaturen, Recycling und kleinere Neubauten von Marine-, Handels-, Spezialund Offshore-Schiffen vornimmt.

Fotos: Christian Augustin

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