Die flinke Truppe von Finkenwerder

Rund 760 staatlich anerkannte Werkfeuerwehren gibt es in Deutschland, mehr als in jedem anderen Land der Welt. Einige der größten sind im Norden zu finden, unter anderem in Bremen beim Stahlkocher Arcelor Mittal, in Wolfsburg beim Autobauer VW und im Brunsbütteler ChemCoast Park, wo zahlreiche Unternehmen aus den Bereichen Energie, Logistik und Chemie angesiedelt sind.

Aber auch im Stadtstaat Hamburg gibt es einige Werkfeuerwehren. Die personal- und leistungsstärkste gehört zum Flugzeugbauer AIRBUS, der in seinem Werk im Stadtteil Finkenwerder mittlerweile rund 18.000 Fachkräfte beschäftigt. Geleitet wird die 85-köpfige Truppe von Timm Meyer, der 2004 bei AIRBUS anheuerte. Der 44-Jährige ist ein Feuerwehrmann aus Leidenschaft und engagiert sich neben der Arbeit bei AIRBUS seit 20 Jahren für die Feuerwehr in seiner Heimatgemeinde Gnarrenburg.

Wie groß sein Revier ist, erkennt man unter anderem daran, dass die AIRBUS-Feuerwehr einen eigenen Eintrag bei Google Maps hat. Auch der Blick von oben auf das Gelände zeigt, dass es hier einige Herausforderungen gibt. Das Werk hat rund 4,5 Millionen Quadratmeter und damit fast die doppelte Fläche von Monaco.

Hochkomplexe Infrastruktur

Timm Meyer: „Wir haben hier 130 Hallen und Gebäude, ein Straßennetz mit 25 Kilometer Länge, eine Roll-on- roll-off-Anlage mit etwa 300 Schiffsbewegungen pro Jahr und einen eigenen Anleger für die Fähren, mit denen viele Beschäftigte täglich zur Arbeit kommen.“

Was Außenstehende oft vergessen: Der Standort ist nicht nur ein Montagewerk für große Passagiermaschinen und ein logistisches Zentrum mit einer hohen Dynamik, sondern auch ein kleiner Flughafen. Auf der mehr als drei Kilometer langen Start- und Landebahn, die man vom Fenster der Feuerwache aus sehen kann, finden jährlich einige Tausend Flugbewegungen statt – Werk- und Testflüge, Bauteiltransporte mit der riesigen Beluga XL sowie Charterflüge zwischen Hamburg und Toulouse für die Beschäftigten. Außerdem besuchen allmonatlich mehr als 11.000 Lieferanten und Gäste das Gelände.

Infrastrukturen von einer so hohen Komplexität sind selbst für eine erfahrene Feuerwehr keine triviale Aufgabe. Vor allem dann, wenn es auf dem Areal noch zahlreiche Gefahrstoffe gibt, etwa chemische Substanzen für die Produktion und ein gut gefülltes Tanklager mit einigen Hundert Tonnen Kerosin.

Die 85-köpfige Truppe, inklusive Feuerwehrfrau und Auszubildende, muss regelmäßig ausrücken. Oft sind es glücklicherweise nur Fehlalarme oder kleinere Vorfälle ohne Brandentwicklung.
Timm Meyer, Leiter der Werkfeuerwehr von AIRBUS in Hamburg.

Umfassender Tarifvertrag neu verhandelt

Feuerwehrchef Meyer: „Unser Werk ist wie eine Kleinstadt, aber wegen der systembedingten Sicherheitsrisiken mit deutlich höheren Anforderungen. Solche Herausforderungen lassen sich nur bewältigen, wenn sie eine gute Ausstattung und exzellente personelle Verhältnisse haben.“ Daher wurde im Jahr 2023 gemeinsam mit dem Betriebsrat, der Gewerkschaft und fachlicher Unterstützung von NORDMETALL ein neuer Tarifvertrag entwickelt, der die Arbeit bei der AIRBUS-Feuerwehr noch attraktiver macht.

Personalleiterin Angela Bronner: „Der bis dato geltende Tarifvertrag für die Werkfeuerwehr stammte aus dem Jahr 2010 und war aus Sicht der Arbeitnehmer und der IG Metall bei einigen Themen nicht mehr zeitgemäß. Daher wurden wir als Arbeitgeber aufgefordert, den Tarifvertrag neu zu verhandeln.“ Anfangs ging es nur um Entgeltfragen, so Timm Meyer, „aber dann wurde bald deutlich, dass es auch beim Schichtsystem noch Spielraum für Optimierungen gab“. Daher wurde unter Einbeziehung aller Mitglieder der Werkfeuerwehr ein umfangreicher Neuvertrag erarbeitet, der alle wichtigen Punkte regelt.

Unterstützt wurde AIRBUS dabei durch die Tarifabteilung von NORDMETALL. Verbandsjuristin Janine Rudolph: „Wir hatten auf diesem Gebiet schon eine gewisse Erfahrung, weil wir auch am Zustandekommen des ersten Tarifvertrags beteiligt waren.“ Die größte Herausforderung bestand darin, das Schichtsystem grundlegend umzustellen, und zwar von einer Zwölf- auf eine 24-Stunden-Schicht. Angela Bronner: „Die kritischen Punkte waren dabei im Wesentlichen die Wochenarbeitszeit inklusive Bezahlung und die Zuführung von Arbeitszeitstunden in das Lebensarbeitszeitkonto. Hier gab es Diskussionsbedarf.“

Am Ende jedoch war man sich einig, und Mitte Oktober 2023 lag der neue Vertrag auf dem Tisch. Janine Rudolph erinnert sich noch gut an diesen Tag, denn als die Verhandlungspartner das Dokument gerade unterzeichnen wollten, ertönte plötzlich die Sirene, und alle Feuerwehrleute eilten zu ihren Einsatzfahrzeugen. Es war kein Fehlalarm, denn über dem Werkgelände kreiste eine private Propellermaschine, die aus technischen Gründen nicht auf dem Hamburger Flughafen landen konnte. Die Sache ging gut aus, der Pilot setzte sicher auf und der Vertrag konnte unterzeichnet werden.

Gemeinsam für ein neues Schichtkonzept

NORDMETALL- Verbandsjuristin Janine Rudolph hat den neuen Tarifvertrag für die Werkfeuerwehr von AIRBUS mit- verhandelt.
AIRBUS-Personalleiterin Angela Bronner sieht in dem entwickelten Schichtmodell einen Mehrwert für den Betrieb und die Beschäftigten.

Durchweg positive Resonanz

Offenbar hatten die Beteiligten gut verhandelt, denn die Resonanz war durchweg positiv, wie Timm Meyer bestätigt. „Die neuen Konditionen machen die Arbeit bei uns noch attraktiver“, sagt er. „Wir haben nun ein 24-Stunden-Schichtmodell mit 88 Schichten pro Jahr, was konkret bedeutet, dass im Wochenschnitt nur 1,9 Schichten anfallen. Das ist vor allem für die Kollegen ein Vorteil, die außerhalb von Hamburg wohnen.“

Für alle Mitglieder der Feuerwehr gilt das gleiche Leistungspaket wie für die anderen Beschäftigten des Flugzeugbauers. Angela Bronner: „Wir bieten hohe Sozialleistungen, zahlreiche Entwicklungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten, diverse Angebote rund um Gesundheit, Work-Life-Balance, Mobilität und vieles mehr.“ Zudem haben Beschäftigte die Möglichkeit, sich über ein Aktienprogramm am Erfolg von AIRBUS zu beteiligen. Das kann sich lohnen – der Kurs ist in den vergangenen Jahren gestiegen.

Komfortabel: In der modern ausgestatteten Feuerwache können sich die Beschäftigten von ihren Einsätzen erholen.
Vorbereitung auf den Ernstfall: Übungen gehören zum Alltag der AIRBUS-Feuerwehrleute.

Fotos: AIRBUS; Christian Augustin

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