Geschäftsmann läuft auf Münzstapeln, symbolisiert Wirtschaftswachstum. Geschäftsmann läuft auf Münzstapeln, symbolisiert Wirtschaftswachstum.

Jeder vierte norddeutsche M+E-Betrieb verlagert seine Produktion ins Ausland

Unsere Grafik des Monats zeigt: Bei Verlagerungen ziehen norddeutsche M+E-Betriebe nicht nur die Produktion ab, sondern zu fast einem Drittel auch Forschung und Entwicklung – vor allem in die EU und nach Asien. Haupttreiber sind ausufernde Bürokratie sowie hohe Arbeits- und Energiekosten. Qualifizierte Fachkräfte allein halten den Standort Deutschland nicht wettbewerbsfähig.

Der anhaltende Transformationsdruck stellt die Zukunftsfähigkeit der norddeutschen Industrie auf eine harte Zerreißprobe. Zwar verfügt der Standort nach wie vor über eine solide industrielle Basis und hochqualifizierte Fachkräfte, doch im Ringen um künftige Investitionen setzen sich strukturelle Standortnachteile immer häufiger durch. Ein Vergleich der betroffenen Betriebsbereiche, der Hauptursachen und der bevorzugten Zielregionen verdeutlicht die schleichende Deindustrialisierung.

Know-how folgt den Fertigungslinien

Grafik zeigt, dass 100% der Betriebe Produktion verlagern.

Dass der Abzug von Kapazitäten längst über einfache Montageprozesse hinausgeht, verdeutlicht die funktionale Struktur der Abwanderung. Zwar ist die Fertigung mit 100 Prozent bei allen verlagernden Betrieben erwartungsgemäß ausnahmslos betroffen, doch folgt ihr unmittelbar die eigentliche Keimzelle künftiger Wertschöpfung: Nahezu jedes dritte Unternehmen (30 %) transferiert zeitgleich Aufgaben aus Forschung & Entwicklung ins Ausland.

Klassische Verwaltungs- und Supportfunktionen werden demgegenüber spürbar seltener verlagert. Fast jedes fünfte Unternehmen zieht Vertriebsstrukturen (19 Prozent) ab, während interne Bereiche wie IT mit 16 Prozent und Buchhaltung mit elf Prozent noch seltener verlagert werden. Sonstige betriebliche Funktionen bilden mit acht Prozent das Schlusslicht der Nennungen.

Während die solide Qualifikation der Beschäftigten das stärkste Fundament der Betriebe bildet, zwingen Regulierung und Kostendruck die Wirtschaft dazu, außer den Werkshallen auch nahezu jede dritte Entwicklungsabteilung ins Ausland zu verlegen.

Binnenmarkt und Asien fangen Kapazitäten auf

Grafik zeigt Produktionsverlagerung in EU, China und Fernost.

Bei den Zielorten setzt die Mehrheit der Betriebe auf vertraute Wirtschaftsräume. Fast sechs von zehn abwandernden Unternehmen (59 Prozent) entscheiden sich für Partnerstaaten innerhalb der Europäischen Union, wo verlässliche Rechtsrahmen mit oftmals günstigeren Kostenstrukturen zusammentreffen. Außerhalb Europas ziehen zwei Regionen gleichauf: Sowohl China als auch der sonstige Ferne Osten verbuchen jeweils 35 Prozent der Nennungen.

Das restliche europäische Ausland außerhalb der EU folgt mit 22 Prozent, während die USA von 16 Prozent der Betriebe angesteuert werden. Andere weltweite Standorte spielen mit 14 Prozent eine eher untergeordnete Rolle.

Bürokratie und Kostenblöcke als dominante Abwanderungstreiber

Grafik zeigt Ursachen für Standortverlagerungen in Deutschland.

Der Blick auf die Ursachen legt gravierende Schieflagen am heimischen Standort offen. Mehr als vier von fünf Betrieben (83 Prozent) bewerten Bürokratie und Regulierung negativ; ein positiver Gegenwert existiert mit null Prozent schlichtweg nicht. Ein ähnlich dramatisches Bild zeichnet sich bei den Arbeitskosten ab, die von 80 Prozent der Betriebe als gravierender Nachteil eingestuft werden, denen magere ein Prozent positive Urteile gegenüberstehen. Überdies sehen mehr als zwei Drittel (68 Prozent) in den Energiepreisen ein akutes Hindernis.

Zusätzlich belasten verunsichernde Rahmenbedingungen das Geschäftsklima: Die Wirtschaftspolitik und Planungsunsicherheit (57 Prozent) sowie der Rückstand bei der Digitalisierung (58 Prozent) fallen bei einer deutlichen Mehrheit durch. Das unverändert stärkste Pfund bleibt das Humankapital: Bei der Qualifikation von Beschäftigten überwiegen neutrale (55 Prozent) und positive Noten (25 Prozent) klar gegenüber negativen Stimmen (20 Prozent). Die Verkehrsinfrastruktur schneidet mit 56 Prozent neutralen und 14 Prozent positiven Werten passabel ab, obschon 30 Prozent Negativstimmen eine Unzufriedenheit mit dem Sanierungstempo nahelegt. Unternehmenssteuern werden von 70 Prozent neutral, von 29 Prozent negativ und von einem Prozent positiv bewertet.

Implikationen für den norddeutschen Standort

Die Daten zeichnen das Bild einer folgenreichen Asymmetrie: Eine gut ausgebildete Belegschaft reicht als Standortvorteil allein nicht mehr aus, wenn überbordende Regulierung, prohibitive Energiekosten und hohe Lohnnebenkosten den unternehmerischen Spielraum einengen. Wenn jedoch Kernkompetenzen in Forschung und Entwicklung schleichend den Fertigungslinien ins Ausland folgen, droht der nachhaltige Verlust industrieller Spitzenkompetenz. Um die vorhandenen Potenziale im Land zu halten, muss die Politik administrative Fesseln rasch lösen, Energiekosten nachhaltig dämpfen und langfristige Verlässlichkeit schaffen.

Quelle: eigene Betriebsbefragungen (2026), * Mehrfachnennungen möglich

Illustrationen: iStock / drogatnev

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