Termin beim Chef

Dr. Stefan Nehlsen – MANKENBERG GMBH

Es braucht geduldiges Werben und eine gute Portion Überzeugungskraft, bis Dr. Stefan Nehlsen dem Treffen für ein „Standpunkte“-Porträt zustimmt. Hanseatische Zurückhaltung, die liegt dem gebürtigen Lübecker im Blut – ebenso wie weltoffene Neugier und die Lust an langfristigen Lösungen. Seit 2017 ist der Physiker und promovierte Ingenieur Geschäftsführer der Mankenberg GmbH. 140 Jahre alt ist das Spezialunternehmen für Industriearmaturen, das heute seinen Sitz in Lübeck-St. Lorenz Nord nahe der A1 hat. In einem großen Konferenzraum, gespickt mit diversen Werkstücken, kommen wir schnell auf eine von Nehlsens Leidenschaften zu sprechen: komplexe Probleme zu verstehen und in effiziente und betriebswirtschaftlich erfolgreiche Prozesse zu übersetzen.

„Gerade haben wir eine Wasserstrahlschneideanlage gekauft, die wir für das dritte Quartal erwarten. Damit werden wir 20 Prozent materialsparender produzieren können als bisher“, sagt der Firmenchef begeistert. Eine vollautomatisierte Großpresse mit einer Maximalkraft von 2.500 Kilonewton gehört bereits seit rund fünf Jahren zum Inventar.

Tiefziehen als strategischer Trumpf

Kernkompetenz des Hauses ist das sogenannte Tiefziehen – ein kaltverformendes Verfahren, bei dem sogenannte Ronden aus Metall unter hohem Druck und Zug verformt werden. Einst aus der Not geboren, erweist sich diese Technologie heute als strategischer Trumpf. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war die eigene Gießerei wegen der Zwangsumsiedlung des Betriebs von Stettin nach Lübeck verloren gegangen. „Tiefgezogene Armaturen sind kompakter, materialeffizienter und lassen sich schneller thermisch steuern“, erklärt Nehlsen die Vorteile. Heute basieren mindestens drei Viertel der Mankenberg-Armaturen auf der Tiefziehtechnologie. Mit einer Fertigungstiefe von rund 95 Prozent behält das Unternehmen die volle Kontrolle über die Qualität – ein entscheidender Vorteil vor allem in stark regulierten Märkten wie der Pharma- und der Lebensmittelindustrie. „Wir treten inzwischen sogar Nachweise über die extrem hohe Druckfestigkeit unserer Armaturen an“, sagt der Ingenieur. In seinen Augen blitzt Stolz auf, wenn er an die 180 Mankenberg-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter denkt. „Wir regeln das schon“ – dieses Firmenmotto leben sie hier an der Trave Tag für Tag.

Konsequente Modernisierung

Als Dr. Stefan Nehlsen vor drei Jahren die alleinige Geschäftsführung des bis dato familiengeführten Traditionsbetriebs übernahm, war all das so nicht absehbar. 20 Jahre lang hatte der heute 62-Jährige für den Rüstungskonzern Rheinmetall Deutschland und die Welt bereist – zunächst als technischer Leiter eines internationalen Joint Ventures zur Entwicklung des Radfahrzeugs „Boxer“ und schließlich als Chef der gesamten Schutzsystem-Sparte direkt unter Rheinmetall-CEO Armin Pappberger.

„Irgendwann kommt der Tag, an dem man sich fragt: Wie lange willst du das noch machen?“, sagt Nehlsen. Jahrelanges Pendeln zwischen der Familie in Lübeck und der Arbeit in München, Kassel oder Düsseldorf, permanente Verfügbarkeit und Tag für Tag eine hohe Schlagzahl. Als das Angebot aus seiner Heimatstadt kam – Nehlsen ist seit Jugendtagen mit der Inhaberfamilie Thomsen bekannt – konnte der Top-Manager einfach nicht Nein sagen.

Das Tempo der bereits unter dem Gesellschaftergeschäftsführer Axel Weidner einsetzenden Modernisierung zog Nehlsen konsequent weiter an. Auf einer „Projektlandkarte“ sind rund 140 Veränderungsvorhaben aufgeführt, von denen aktuell bis zu 20 Projekte gesteuert werden. Ein sichtbares Ergebnis: Sämtliche Fertigungsprozesse laufen seit einem halben Jahr papierlos ab. Aufträge, Zeichnungen und Stücklisten – alles ist digital am Arbeitsplatz verfügbar. Selbst der Materialtransport erfolgt automatisiert über ein fahrerloses Transportsystem. „Eine der größten Herausforderungen war es dabei, die Menschen mitzunehmen und ihnen zu zeigen, dass Automatisierung und Digitalisierung keine Bedrohung für den Arbeitsplatz sind“, erinnert sich Nehlsen und betont: „Wir müssen weg von einfachen, repetitiven Tätigkeiten. Im deutschen Maschinenbau sind sie mittlerweile unbezahlbar, wenn sie von Menschen gemacht werden.“

Deshalb hat sich das Unternehmen gerade erst dazu entschlossen, einen zweiten Cobot anzuschaffen. „In der Fertigung haben wir darüber intensiv diskutiert“, erzählt Nehlsen. Pro Jahr koste ihn der kollaborative Roboter so viel wie ein geringfügig Beschäftigter. „Dafür arbeitet er ganz schön viel, selbst wenn ich ihn nicht voll auslaste.“ Das müsse man im Geschäft mit Industriearmaturen einplanen: Technologien vor zuhalten, die nicht sofort voll ausgelastet sind, aber mit Maschinen arbeiten, die 20 Jahre lang problemlos laufen.

„Seit fünf Jahren stellen wir unseren Kunden die gesamte Auftragsdokumentation online zur Verfügung“, sagt Nehlsen. „Über QR-Codes auf den Produkten oder Links auf Rechnungen gelangen sie an alle technischen Unterlagen – voll automatisiert, noch bevor die Ware eintrifft.“ Besonders in Asien komme das gut an. China ist das größte Einzelexportland für Mankenberg. Die Dokumentationspflichten sind streng. Für hochwertige Produkte werde verlangt, dass der verwendete Stahl aus Westeuropa stammt. „Man macht sich dort Sorgen um verunreinigtes oder radioaktives Material, das aus der Entsorgung von Kernkraftwerken in den Lieferketten auftaucht“, erläutert Nehlsen.

Enorme Belastung durch Bürokratie

Regulatorisch ist das Unternehmen bestens aufgestellt. Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz sei somit kein Schock, sondern eher eine formale Ergänzung. Dennoch hadert Nehlsen mit den politischen Rahmenbedingungen in Deutschland. Als Stadtverordneter der SPD in Bad Schwartau und NORDMETALL-Schatzmeister kennt er die Reibungspunkte zwischen Wirtschaft und Administration. Insbesondere die wachsende Bürokratie bereite ihm Sorgen. „Dahinter steckt oft ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Unternehmen. Das halte ich für falsch“, sagt Nehlsen. „Den Menschen sollte etwas mehr Eigenverantwortung zugetraut und auch zugemutet werden.“ Das rät er auch seinen Parteigenossen.

Besonders für mittelständische Betriebe mit schlanken Strukturen sei die Belastung enorm. Aktuelles Beispiel: NIS 2 – eine EU-Richtlinie, die Unternehmen zur Stärkung der Cybersicherheit verpflichtet – inklusive Meldepflichten und Haftung der Geschäftsführung. „Wir haben zweieinhalb Leute in der IT. Die sind voll ausgelastet. Da kann ich nicht einfach jemanden für neue Pflichten abstellen“, so Nehlsen.

„Den Menschen sollte etwas mehr Eigenverantwortung zugetraut und auch zugemutet werden.“

Mentor und Familienmensch

Kurz- und mittelfristig blickt der Geschäftsführer optimistisch auf die Entwicklung des Unternehmens. Die Auftragslage sei stabil, die kommenden Jahre seien gut planbar. Doch langfristig frage er sich, ob ein mittelständisches Unternehmen im permanenten Rennen zwischen Kostensteigerung und Effizienzgewinn auf Dauer bestehen kann? Hinzu komme der internationale Wettbewerb – die Herausforderung: „Hungrige“, gut ausgebildete Fachkräfte in anderen Teilen der Welt, die mit innovativen Geschäftsmodellen und neuen Technologien den Markt auf mischen. Nehlsen beschreibt dieses Szenario völlig unaufgeregt. Diese Mischung aus analytischer Nüchternheit und persönlicher Gelassenheit zeichnet den Firmenlenker aus.

Kraft schöpft er unter anderem aus dem Sport – er läuft Halbmarathon und macht derzeit den Sportküstenschifferschein. Eine weitere Energiequelle seien die Menschen um ihn herum. „Ich gehe jeden Morgen durch die Firma. Ich bin ansprechbar – und werde angesprochen“, so Nehlsen. Auch das Thema Diversität treibt den nahbaren Chef um. Der Frauenanteil liege im Unternehmen seit vielen Jahren leider nur bei rund 18 Prozent, doch bei den Auszubildenden gebe es Bewegung: Derzeit lernen eine Industrie- und eine Zerspanungsmechanikerin bei Mankenberg.

Seinen Führungsstil zeichnen Vertrauen und Dialog auf Augenhöhe aus. Gegenüber der jungen Generation schlüpfe er häufig fast automatisch in die Rolle des Mentors und Ratgebers. „Das hat bei mir schnell eine väterliche Facette“, sagt ein Mann, der gemeinsam mit seiner Ehefrau zwei Söhne großgezogen hat und seit Kurzem auch stolzer Großvater einer Enkelin ist. „Ich bin ein sehr glücklicher Mensch“, sagt Nehlsen am Ende des Gesprächs. Man glaubt es ihm sofort.

Dr. Stefan Nehlsen mit dem Druckminderventil DM 505, das unter anderem Dosieranlagen in Raffinerien steuert.
Mankenberg GmbH

1885 von Gustav Mankenberg als Gießerei für Metallgegenstände im schleswig-holsteinischen Heide gegründet, ist das Unternehmen heute ein in fast 50 Ländern vertretener Spezialist für Industriearmaturen aus Edelstahl. Mehr als 180 Beschäftigte entwickeln, fertigen und vertreiben am Stammsitz in Lübeck unter anderem Druckminderer, Überströmventile, Be- und Entlüfter sowie Kondensatableiter für mehr als 5.000 aktive Kunden weltweit. 2025 erzielte das familienbasierte Unternehmen einen Umsatz von 22,4 Millionen Euro.

Weitere Infos im Video:

Fotos: Christian Augustin

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