Treiber oder Hemmschuh der Transformation?

Viele Unternehmen investieren in erneuerbare Energien, hier entstehen neue Geschäftsmodelle. Doch häufige Kurswechsel in der Politik, schwankende Preise und fehlende Kapazitäten stellen viele Betriebe vor große Herausforderungen.

Das LEDA Werk im ostfriesischen Leer betreibt mit der Herstellung von Kaminen und Öfen ein energieintensives Geschäft. Beim Einschmelzen arbeitet das 1873 gegründete Familienunternehmen mit einem Kupolofen, der mit Koks als Hauptbrennstoff betrieben wird. „Wir würden hier gerne elektrifizieren und die Möglichkeit nutzen, stattdessen einen Induktionstiegelofen zu betreiben“, sagt LEDA-Geschäftsführer Dr. Fynn-Willem Lohe. Das sei ein erprobtes Schmelzverfahren. „In Deutschland gibt es mehrere Hersteller und mit einem davon sind wir uns bereits handelseinig, doch es gibt ein großes Problem: Wir bekommen den dafür notwendigen Strom nicht.“

Damit steht sein Betrieb vor Problemen, die viele Unter nehmen derzeit haben, wenn sie auf erneuerbare Energien umstellen wollen, aber mit einem stockenden Netzausbau konfrontiert werden. „Unser kommunaler Stromanbieter verwehrt uns aktuell den Anschluss, da es zu viele Anschluss begehren durch die neu geplanten Batteriespeicher gibt“, berichtet Lohe, der kürzlich den NORDMETALL-Präsidenten Folkmar Ukena als LEDA-Geschäftsführer abgelöst hat. „Hier wird ein sogenanntes ‚Diskriminierungsverbot‘ wirksam, denn jeder, der ein solches Begehren über einen Batteriespeicher hat, darf angeschlossen werden“, sagt Lohe.

Eigentlich bräuchte das niedersächsische LEDA Werk für seine Pläne lediglich sieben Megawatt. „Wir rechnen aber nicht mit einer kurz- oder mittelfristigen Anschlusszusage“, so Lohe. Besonders absurd an dieser Situation sei, dass es am Standort in Ostfriesland genügend grünen Strom durch Wind, Solar und Biomasse gibt. „Doch diesen bekommen wir nicht ins Netz, da der Netzausbau noch immer nicht ausreichend ist“, sagt Lohe. „Der Engpassfaktor ist hier die Umspannung im Netz, konkret unter anderem im Umspannwerk Leer-Mitte.“

Dr. Fynn-Willem Lohe Geschäftsführer LEDA Werk GmbH & Co. KG

„Wir rechnen aber nicht mit einer kurz- oder mittelfristigen Anschlusszusage.“

Dabei würde es schon helfen, vom Netzbetreiber eine verbindliche Aussage zum Runterregeln des Stromanschlusses zu bekommen, also zur Dauer und zum Umfang der Drosselung. „So könnten wir die Zeiten frühmorgens oder am späten Vormittag gut für die Schmelze nutzen“, sagt Lohe, „und wenn wir zu einem bestimmten Zeitpunkt, etwa in der Mittagszeit, von sieben auf vier Megawatt runtergeregelt werden, dann könnten wir das auch gut hinbekommen. Bei einem Wert darunter könnte unsere Anlage jedoch dauerhaft Schaden nehmen.“ In Sachen Anschieben der industriellen Transformation in seinem Unternehmen klingt Geschäftsführer Lohe deshalb ein wenig resigniert: „Aktuell müssen wir abwarten – an diesem Punkt stehen wir leider gerade in der Energiewende.“

Sehr hoher Energiebedarf: LEDA Werk verfügt in Leer über eine eigene Gießerei und Handformerei mit erfahrenen Fachkräften.

Aufbau moderner Energieinfrastruktur

Doch gibt es auch Vorhaben, die zeigen, dass es auf dem Weg zur effizienten Nutzung sauberer Energien voran geht. So entsteht im Kreis Dithmarschen am sogenannten Heide-Hub ein modernes Stromdrehkreuz. Die Netzbetreiber Tennet, Amprion und 50Hertz wollen hier Off- shore-Windstrom in das regionale Netz einspeisen und in andere Regionen transportieren. Es wird dabei möglich sein, Elektrolyseure anzuschließen, die diesen „grünen Strom“ in Wasserstoff umwandeln. Über solche „Multi terminal-Hubs“ soll die Stromversorgung im ganzen Land stabiler und nachhaltiger werden.

Denn der gesetzlich festgeschriebene Zeitplan, Deutschland bis 2045 klimaneutral werden zu lassen, ist sehr eng. Im Koalitionsvertrag bekannten sich Union und SPD 2025 zu einem beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien, ins besondere der Windenergie. Zudem hat sich der Koalitionsausschuss im Herbst darauf geeinigt, den Strompreis für besonders energieintensive Unternehmen bis 2028 zu senken. Der staatlich subventionierte Preis soll dann bei etwa fünf Cent pro Kilowattstunde liegen. Das soll die Wettbewerbsfähigkeit der Industriebetriebe wieder erhöhen. Auch für die Nutzung erneuerbarer Energien durch Unternehmen gibt es diverse Förderprogramme.

In den meisten norddeutschen Bundesländern soll das Ziel der Klimaneutralität sogar bereits 2040 erreicht werden. Daher tut sich hier an vielen Stellen derzeit einiges, so zum Beispiel im Hamburger Hafen. Das nach nur sechs Jahren Betriebszeit stillgelegte Kohlekraftwerk Moorburg wurde abgerissen, jetzt entsteht auf einem 16.000 Quadratmeter großen Baugrund ein 100-MW-Elektrolyseur.

Umgesetzt werden diese Pläne von dem Konsortium „Hamburg Green Hydrogen Hub“, zu dem zusätzlich zu den Hamburger Energiewerken auch der private Investor Luxcara gehört. Dieses hat Siemens Energy beauftragt, sechs Einheiten seines neuesten Elektrolyseurmodells zu liefern. Dazu soll das deutsche Wasserstoff-Kernnetz im Jahr 2032 in Betrieb gehen und an das für 2034 geplante europäische Transportnetz „European Hydrogen Backbone“ (EHB) angeschlossen werden. So würden dann auch Unternehmen der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie mit nationalen und europäischen Wasserstoffleitungen verbunden.

Bis zum fertigen Produkt braucht es vielschichtige Prozessschritte – und Temperaturen von mehr als 1.000 Grad Celsius.

Investitionen in neue Geschäftsmodelle

Nicht weit entfernt im Hamburger Hafen lässt sich am Standort Blumensand ein weiteres Beispiel für die laufende Energiewende beobachten. Das Unternehmen MB Energy, vormals als Mabanaft bekannt, besitzt hier mit 72 Tanks das zweitgrößte Tanklager Deutschlands und investiert momentan im dreistelligen Millionenbereich in neue Geschäftsfelder. So sollen durch die Umnutzung der Tanklager zukunftsorientierte Energielösungen priorisiert werden.

Lange Zeit bot das Unternehmen seinen Kunden Energie in Form von Erdölprodukten oder Erdgasflüssigkeiten, nun steckt auch MB Energy mitten in der Transformation, weg von den fossilen Kraftstoffen hin zu den „sauberen“ Alternativen. Dazu gehören Wasserstoff, Ammoniak oder Methanol. Die Beschaffung neuer Kraftstoffe verlangt auch nach neuer Infrastruktur. Kürzlich hat das Hamburger Unternehmen daher Wasserstofftankstellen in Lübeck und Neumünster eröffnet.

Für Julian Bonato, Geschäftsführer von MHG Heiztechnik in Buchholz in der Nordheide, gehört die Energiewende schon lange zum Geschäftsmodell. Doch immer wieder gibt es neue Hürden durch die Politik, die sein Geschäft und das der Kunden beeinträchtigen. „Wir stellen Produkte wie die Wärmepumpe her, die für die Energiewende wichtig sind. Hier wünschen wir uns allgemein mehr Klarheit von der Politik. Denn wer verunsichert ist, der investiert nicht.“ Verlässliche Eckpunkte sind für ihn notwendig, besonders beim sogenannten Heizungsgesetz.

PV-Anlage der Märtens Transportbänder GmbH.
Abrissbagger beim früheren Kohlekraftwerk Moorburg.

Förderung von Wärmepumpen

„In der gesamten Branche wurden im Jahr 2025 rund 630.000 Wärmeerzeuger verkauft“, berichtet Bonato, der auch Vorstandsvorsitzender des AGV NORD ist, „das ist ungefähr das Niveau von vor 15 Jahren – und damit ein Rückfall. Am besten laufen derzeit noch Wärmepumpen, hier nehmen viele die Förderungen mit, da niemand weiß, wie diese in Zukunft ausfallen werden.“ Aktuell gibt es noch bis 2029 staatliche Zuschüsse von 30 bis zu 70 Prozent. Laut den im Februar dieses Jahres bekannt gewordenen Vorgaben für das neue Gebäudemodernisierungsgesetz dürfen in Gebäude außer Wärmepumpen oder Fernwärme weiterhin auch Gas- oder Ölheizungen eingebaut werden. Diese müssen künftig aber mit einem zunehmenden Anteil von Biomasse betrieben werden. Bonato fordert, dass in Deutschland unbürokratische und langfristig stabile Rahmenbedingungen geschaffen werden, um den bei den erneuerbaren Energien eingeschlagenen Weg erfolgreich weiterzugehen: „Die Eckpunkte des neuen Gebäudemodernisierungsgesetzes sind da schon richtungsweisend. Wichtig ist hier jetzt noch, den Weg in die für 2045 avisierte CO₂-Neutralität nachvollziehbar aufzuzeigen und die Lust an der Energiewende zu wecken.“

Hier sieht der Energieexperte auch positive Entwicklungen. Etwa, dass das Reporting im Rahmen der „Corporate Sustainability Reporting Directive“ (CSRD) zunächst einmal verschoben wurde. „Es ist einfach zu umfangreich und aufwendig, sowohl in der Implementierung als auch in der Handhabung“, sagt Bonato, „das hätte uns pro Monat drei bis vier Arbeitstage gekostet. Zeit, die ich lieber direkt in die Einsparung von CO₂ stecken würde.“ Zuvor hatte MHG Heiztechnik drei bis vier Stunden pro Monat in ein freiwilliges CO₂-Reporting investiert.

Hinsichtlich der rechtzeitigen Erreichung der ambitionierten Klimaziele ist Bonato skeptisch: „Fraglich ist, was die Kommunen machen. Es ist jetzt schon absehbar, dass hier die Mittel fehlen, um all die Vorgaben der Klimaziele voll ständig umzusetzen“, sagt Bonato.

Julian Bonato, Geschäftsführer MHG Heiztechnik GmbH

„Wichtig ist, die Lust an der Energiewende zu wecken.“

Einsparungen durch Photovoltaik

Welche finanziellen Vorteile es bringen kann, im eigenen Betrieb auf erneuerbare Energien zu setzen, zeigt das Unternehmen Märtens Transportbänder. „Wir haben 2022 eine Photovoltaikanlage auf 1.800 Quadratmetern unseres Produktionshallendachs installiert“, sagt Bernhard Funke, Geschäftsführer des Flensburger Betriebs. Diese Anlage hat eine Spitzenleistung von 300 Kilowattstunden und verfügt über einen Stromspeicher. „So können wir etwa die Hälfte unseres gesamten Strombedarfs über die PV-Anlage decken“, berichtet Funke. „Aktuell liegt unsere Autarkiequote bei 49 Prozent.“ Auch andere NORDMETALL-Mitglieder haben bereits große PV-Anlagen auf ihrem Firmengelände installiert.

„Diese Investition war für uns eine Riesenerfolg“, berichtet Funke. „Sie ermöglicht uns eine bessere Kalkulierbarkeit der Kosten und unterstützt zudem unsere Dekarbonisierungsstrategie.“ Zu dieser Strategie gehört auch die Einrichtung von zwölf öffentlichen Ladepunkten für Elektrofahrzeuge auf dem Märtens-Firmengelände. „Wir haben unsere eigene PKW-Flotte auf elektrische Fahrzeuge umgestellt. Diese laden hier im Gewerbegebiet genauso wie firmenfremde Fahrzeuge“, so Funke. „Von unseren Kunden und Lieferanten, aber natürlich auch von der Arbeitnehmerseite erhalten wir durchgehend positives Feedback. So sparen wir hier nicht nur Kosten, sondern tun auch etwas für eine saubere Umwelt – und ein gutes Unternehmensimage.“

Funke würde sich freuen, wenn dieser Trend zu erneuerbarer Energie weitergeht: „Photovoltaik ist die in der Erzeugung günstigste Energie. Und der Bau von solchen PV- Anlagen auf Firmenflächen ist ein einfacher Weg, um erneuerbarer Energien effizient zu nutzen.“

Weitere Links und Informationen:


Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW):
Bezuschusst die Investitionen in Wärmenetze
https://bit.ly/BEW_Waermenetze

Bundesförderung für Energie- und Ressourceneffizienz in der Wirtschaft (EEW):
Förderung von Prozesswärme aus erneuerbaren Energien und Maßnahmen zur Senkung von Treibhausgasen https://bit.ly/EEW_Foerderung

Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG):
Bezuschussung bei Heizungsoptimierung oder Wärmepumpen in Nichtwohngebäuden https://bit.ly/BEG_Effizenz_Foerderung

KfW-Kredit 270 / Erneuerbare Energien: Gewährung zinsgünstiger Kredite für Windkraft- oder Photovoltaik- Anlagen sowie Biomasse
https://bit.ly/KfW_Energie

Fotos: Adobe Stock (Innovative); Oliver Pracht (www.oliverpracht.com); Adobe Stock (Artinun); MHG Heiztechnik

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