Erkenntnis Nummer eins: Anders als Deutschland setzen Japan und Südkorea dem demografischen Wandel keine Zuwanderung entgegen. Sie versuchen viel mehr, ihre Volkswirtschaften durch einen Mix aus Robotik und Künstlicher Intelligenz (KI), aus einer höheren Erwerbsbeteiligung von Frauen und einer längeren Beschäftigung Älterer zukunftsfest zu machen. Erkenntnis Nummer zwei der NORDVERBUND-Reise, einem Zusammenschluss von NORDMETALL und seinen beiden Schwesterverbänden Niedersachsen-Metall und VME Berlin-Brandenburg: Am Ziel sind beide asiatischen Nationen noch nicht.
Japan etwa ist ein Paradebeispiel für eine „super-ageing society“ – und den Teufelskreis an wirtschaftspolitischen Folgen, die eine rasant alternde Gesellschaft hat: sinkende Steuereinnahmen, steigende Sozialkosten, hoher Schuldenstand sowie horrende Zins- und Tilgungszahlungen. Nicht ohne Grund beschwört Botschafterin Petra Sigmund auf einem Empfang die zahlreichen deutschen und japanischen Unternehmensvertreter, „Demografie, Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftssicherheit“ gemeinsam zu denken. Japans Bevölkerung schrumpft schon länger und auch stärker als die deutsche. Daran versucht sich die Nation anzupassen.



Der Personaldienstleister „Mystar 60“ – eine Anspielung auf den deutschen „Meister“ – hat aus der Not eine Tugend gemacht. Die Agentur vermittelt oder entleiht Ältere, die noch keinen Zugang zur gesetzlichen Rente mit 65 Jahren haben oder die karge Rente aufstocken und zugleich ihr Erfahrungswissen weitergeben wollen, an Einsatzbetriebe, die erfahrenes Personal etwa zur Kontrolle und Wartung von Anlagen suchen. Jeder zweite Mitarbeitende gibt finanzielle Gründe für die Beschäftigung an, erläutert Mystar-CEO Masahiko Yamawaki – selbst 69 Jahre alt. Drei Prozent seiner Angestellten möchten nur bis zum 65. Lebensjahr arbeiten, die große Masse (59 Prozent) will so lange dabei bleiben, wie es ihnen gesundheitlich möglich ist.
Auch für Menschen mit erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen findet man in Japan innovative Wege in die Beschäftigung. Beim Besuch des DAWN Avatar Robot Café in Tokio erfahren die norddeutschen Managerinnen und Manager, wie Inklusion durch Innovation ermöglicht wird. Putzig anmutende Tischroboter („OriHime“) nehmen die Getränkebestellung auf, die den Gästen von größeren beweglichen Robotern an den Tisch gebracht wird. Diese werden, viele Kilometer entfernt, von Menschen mit geistigen oder körperlichen Einschränkungen gesteuert. Auch sie fühlen sich dank der stundenweisen Arbeit als nützlicher Teil der Gesellschaft und ziehen aus der Remote-Beschäftigung Selbstvertrauen und Lebensfreude.
An Selbstvertrauen mangelt es übrigens weder den Japanern noch den Koreanern. Ob in Tokios neu entwickeltem Stadtteil „Takanawa Gateway“, einem gewaltigen Infrastrukturprojekt, das Heimstatt für Dutzende von Start-ups geworden ist, oder in der südkoreanischen Sonderwirtschaftszone Incheon (IFEZ) – überall entstehen Wachstums- und Innovationsinseln: Industriegebiete – als Smart Cities ganzheitlich geplant und vernetzt, mit Kultureinrichtungen, Veranstaltungssälen, Büros, Wohnungen und Freizeitparks.




Shrimp zwischen Walfischen
„Pali, pali“ – schnell, schnell – muss es in Südkorea gehen, also einfach mal machen und Fehler rasch korrigieren. Denn der 50-Millionen-Einwohner-Staat, der sich selbst als Shrimp zwischen den Walfischen China und Japan betrachtet und auch mit den USA konkurriert, weiß, dass er diesen Wettbewerb nur gewinnen wird, wenn er besser und schneller ist als die anderen.
Befördert wird dieser konsequente Wille zur Veränderung in Südkorea durch eine große Technologieoffenheit. Auf die Delegation wirkt sie teilweise befremdlich, wenn etwa die 24/7-Überwachung des Verkehrsflusses und der öffentlichen Flächen in der IFEZ, mit Nummernschild- und Gesichtserkennung, nicht als staatliche Repression, sondern als Zugewinn für die persönliche Sicherheit gewertet wird. Oder wenn Jugendliche frühzeitig an KI herangeführt wer den, weil sie ohnehin mit dieser aufwachsen werden, wie Bum-Jin Kim, Executive Vice President von Megazone Cloud, erklärt. Das Unternehmen hat sich entsprechend einer Regierungsmaxime mit einer Handvoll weiterer Firmen zu einer KI-Allianz zusammengeschlossen. Sie soll Südkorea in diesem Feld souverän werden lassen, von der Hardware-Herstellung bis zum Betrieb von KI-Modellen.
Verlässliche Industriepolitik
Dass auf solche Ansagen „von oben“ Verlass sei, versichert Tae-Hyung Kim von Invest KOREA. Hier werde vielleicht einmal eine Priorität verschoben oder ein Begriff geändert, aber im Grunde gebe es – wohl noch aus den Aufholdekaden hin zur wirtschaftlichen Großmacht – einen breiten gesellschaftlichen und politischen Konsens, in welche Richtung das Land weiterzuentwickeln sei. Kim macht in diesem Zusammenhang drei Erfolgsfaktoren aus: eine verlässliche, konsistente Industriepolitik, dazu Vertrauen in die staatlichen Institutionen sowie die Verfügbarkeit des nötigen Kapitals. Hinzu kämen Charaktereigenschaften, die viele Asiatinnen und Asiaten besitzen: Fleiß, Disziplin und ein eiserner Wille, voranzukommen – oft sogar ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit. Zusammengenommen sind das trotz aller Nebenwirkungen wichtige Bausteine, um eine Industrienation an die Weltspitze zu führen und diesen Platz zu verteidigen. Ein Befund, den die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach dem einwöchigen Managementforum teilen: „Die Zukunft ist hier.“




Autoren: Dr. Nico Fickinger, Loraine Awizus, Anton Bauch und Dr. Peter Schlaffke
Fotos: Anton Bauch; Dr. Nico Fickinger