Zwischen WLAN und Werkbank: Ausbildung neu denken

Die Arbeitswelt wird mobiler und digitaler. Viele Auszubildende erwarten heute flexible Lernformate, digitale Tools und zeitgemäße Arbeitsstrukturen. Wie Unternehmen darauf reagieren, ohne an Qualität und Attraktivität der Ausbildung zu verlieren.

Mit der COVID-Pandemie ist mobiles Ausbilden in den Fokus gerückt. Seit 2024 ist diese Ausbildungsform im Berufsbildungsgesetz verankert. Für viele Betriebe geht es daher längst nicht mehr um das „Ob“, sondern um das „Wie“.

Dass mobile Lernphasen funktionieren, weiß Fette Compacting in Schwarzenbek. In dem auf Tablettenpressen spezialisierten Maschinenbauunternehmen hat sich mobiles Arbeiten seit der Pandemie etabliert und wird in zwischen durch eine Betriebsvereinbarung geregelt. Auch Auszubildende und dual Studierende können daran teilnehmen – sofern der jeweilige Ausbildungsberuf dies zulässt. „Alle Nachwuchskräfte sind mit passender Hardware ausgestattet, Aufgaben und Lösungswege werden regelmäßig digital abgestimmt“, erläutert Bärbel Brüggmann, zuständig für Aus- und Weiterbildung, und ergänzt: „Für Schulungen ist mobiles Arbeiten teilweise sehr gut geeignet – der persönliche Austausch bleibt aber wichtig.“ Andere Betriebe, insbesondere kleinere, sind noch nicht so weit. Unsicherheiten bestehen zum Beispiel bei rechtlichen Fragen, technischer Ausstattung oder didaktischer Umsetzung. „Dabei sind die Potenziale klar erkennbar. Mobile Ausbildungsphasen ermöglichen flexiblere Zeitmodelle, stärken digitale Kompetenzen und erhöhen die Attraktivität des Ausbildungsbetriebs – gerade im Wettbewerb um Nachwuchskräfte“, berichtet Mathias Engel, Referent Ausbildung und Studium bei NORDMETALL.

Auch aus Sicht von Dr. Nicole Sträfling, Expertin für digitale Berufsbildung beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW), bietet mobile Ausbildung große Chancen. Verlässliche Zahlen zur Verbreitung gebe es bislang nicht, beobachtbar sei jedoch, dass vor allem größere Unternehmen entsprechende Konzepte einsetzen. „Mobile Ausbildung hilft Unternehmen, junge Menschen für eine berufliche Ausbildung zu begeistern, sie ortsunabhängig gut zu begleiten und die Attraktivität als Arbeitgeber zu steigern“, ist sie überzeugt.

Rechtlicher Rahmen schafft Sicherheit

Das Berufsbildungsgesetz stellt klar: Ausbildungsinhalte werden grundsätzlich im Betrieb vermittelt. Mobile Ausbildung ist eine Ergänzung für klar definierte Ausbildungsabschnitte – und nicht der Regelfall. Zentral ist die „doppelte Freiwilligkeit“: Unternehmen können mobile Ausbildung anbieten, Auszubildende können dieses Angebot annehmen. Ein Anspruch oder eine Verpflichtung besteht jedoch nicht. Ebenso wichtig ist, dass die Ausbildungsqualität auch mobil gewährleistet bleibt. Anleitung und Kontrolle der Lernziele müssen in gleichem Maß möglich sein wie im Betrieb. Unternehmen stellen Hard- und Software bereit, definieren Nutzungsregeln und sorgen dafür, dass Ausbilderinnen und Ausbilder erreichbar sind. Lernfortschritte werden dokumentiert, Austausch bleibt jederzeit möglich.

Genau darauf setzt Körber Technologies in Hamburg. Das Unternehmen plant derzeit die Einführung mobiler Ausbildung für alle 120 Auszubildenden in elf Ausbildungsberufen – einen Tag pro Woche mit klar definierten Lernzielen. Grundlage wird eine eigene Betriebsvereinbarung mit dem Betriebsrat sein. „Jede mobile Phase bedarf der Zustimmung des jeweiligen Ausbildungsbeauftragten. Hält dieser Präsenz für fachlich sinnvoller, gilt ein Vetorecht“, sagt Ausbildungsleiterin Silke Busch. Wenn das Unternehmen feststellt, dass Inhalte mobil nicht optimal vermittelt werden können, ist jederzeit eine Rückkehr zur Präsenz möglich.

Klare Regeln und Strukturen entscheidend

Laptop, Softwaretools und Videokonferenz allein garantieren jedoch noch keinen Erfolg. Entscheidend sind klare Strukturen im Arbeitsalltag. Bei Körber setzt man deshalb auf verbindliche Rituale: Zu Beginn und am Ende jedes mobilen Ausbildungstages findet ein kurzes persönliches Telefonat statt. „Welche Aufgaben stehen an? Hast du alles geschafft?“ Nicht nur zur Kontrolle, sondern auch, um Motivation und das richtige Mindset zu stärken. Parallel führt das Unternehmen eine Lernplattform ein, um Lernziele, Aufgaben und Fortschritte transparent zu dokumentieren. Für Auszubildende bedeutet mobiles Arbeiten vor allem mehr Eigenverantwortung. Selbstorganisation, Zeitmanagement und Absprachen werden wichtiger. Fehlende Struktur kann schnell zu Unsicherheit führen. Umso wichtiger sind feste Tagesabläufe, erreichbare Ansprechpartner und transparente Erwartungen an den mobilen Arbeitstag. Auch Bärbel Brüggmann betont, dass Auszubildende erst lernen müssten, sich in dieser Situation zu strukturieren und Kommunikationswege aktiv anzustoßen. Deshalb sei eine gute Vorbereitung entscheidend. „Zudem sollen die Präsenzphasen weiterhin den größeren Anteil der Arbeitszeit ausmachen.“

Mobile Ausbildung verändert damit auch die Rolle des Ausbildungspersonals. Lernprozesse müssen stärker strukturiert, Feedback noch systematischer eingeplant werden. Die zentrale Herausforderung sieht die IW-Expertin Nicole Sträfling vor allem in motivationalen Faktoren: „Gerade bei mobilen Lernphasen ist es entscheidend, die Auszubildenden gut zu begleiten.“ Unternehmen müssten daher bei der Planung mobiler Ausbildungsinhalte gezielt überlegen, wie Motivation, Austausch und Teamgefühl erhalten bleiben.

Strategisch planen und umsetzen

Ihr Potenzial entfaltet mobile Ausbildung dann, wenn sie strategisch angegangen wird. Deshalb rät Imke Kuhlmann, Referentin für Nachwuchsgewinnung bei NORDMETALL: „Unternehmen sollten definieren, für welche Ausbildungsberufe und Inhalte mobile Phasen sinnvoll sind, diese im Ausbildungsplan verankern und klare Regeln zu Kommunikation, Lernzielen und Dokumentation festlegen.“ Bei minderjährigen Auszubildenden sind das Einverständnis der Erziehungsberechtigten, die Aufsichtspflicht und klare Tagesstrukturen sicherzustellen.

Doch nicht überall funktioniert mobile Ausbildung gleichermaßen. Zentrales Problem bleibt die Vermittlung praktischer, „handfester“ Inhalte über Distanz. Knut Marquardt, Ausbildungsleiter bei Blohm+Voss, hält mobiles Ausbilden in seinem Unternehmen deshalb nur für sehr begrenzt möglich. „Wir bilden fast ausschließlich gewerblich-technische Berufe aus. Hier ist mobiles Ausbilden schlicht nicht praktikabel“, sagt er. Priorität habe, dass Auszubildende jederzeit Anleitung und Unterstützung erhalten und praktische Inhalte unmittelbar vermittelt werden können. Dennoch setzt auch die Hamburger Werft auf digitale Unterstützung durch ein Lernmanagementsystem im Ausbildungszentrum, das individuelles Lernen und gezielte Förderung ermöglicht. Bei kaufmännischen Auszubildenden sei mobiles Arbeiten praxisnah möglich und werde situativ angewandt.

Mathias Engel von NORDMETALL bringt es auf den Punkt: „Mobile Ausbildung ist ein starkes Instrument, wenn sie strukturiert eingeführt und professionell begleitet wird.“ Gemeinsam mit Imke Kuhlmann macht er sich für die Weiterentwicklung der Berufsausbildung stark: durch Beratung, Berufsorientierung, Formate wie die Ausbildungskonferenz und praxisnahe Angebote rund um Ausbildung und duales Studium – damit Ausbildung weiterhin attraktiv bleibt.

Kontakt:
Imke Kuhlmann
Tel.: 040 6378-4217
E-Mail: kuhlmann@nordmetall.de

Mathias Engel
Tel.: 040 6378-4217
E-Mail: engel@nordmetall.de

Mobile Ausbildung: Das Wichtigste auf einen Blick

STRATEGIE UND ORGANISATION
• Vorrang von Präsenz: mobile Phasen nur für
vereinbarte Ausbildungsteile
Pilotphase starten und regelmäßig evaluieren
• Doppelte Freiwilligkeit: Angebot und
Annahme freiwillig
• Klare Tagesstrukturen und feste
Kommunikationsregeln definiere
• Pilotphase starten und regelmäßig evaluieren

RECHT UND VERANTWORTUNG
• Gleichwertige Ausbildungsqualität sicherstellen
• Regelmäßige Lernstandkontrollen durchführen
• Anleitung und Kontrolle der Lernziele auch
mobil gewährleisten
• Erreichbarkeit der Ausbilder jederzeit
sicherstellen
• Ausbildungsnachweis auch für mobile
Phasen führen
• Minderjährige: Einverständnis und
Aufsichtspflicht beachten!

TECHNIK UND INFRASTRUKTUR
• Betriebliche Endgeräte und sichere Tools
bereitstellen
• Datenschutz und IT-Sicherheit verbindlich regeln
• Lernplattformen für Transparenz und
Dokumentation nutzen

DIDAKTIK UND UMSETZUNG
• Klare Lernziele und messbare Aufgaben
formulieren
• Verbindliche Feedbackformate etablieren
• Selbstorganisation der Auszubildenden aktiv
begleiten
• Mobile Phasen gezielt für Theorie, Projekte
und Prüfungsvorbereitung einsetzen

MEHR IN UNSEREM PODCAST
NORDMETALL-Referent Mathias Engel
spricht mit Christoph Luderer von
Siemens über Mobile Ausbildung
https://www.nordmetall.de/fachkraefte-podcast

Foto: iStock / AndreyPopov

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