Wer verstehen will, was die stucke-GROUP herstellt, stellt sich am besten einen Sicherungskasten vor – den im Keller oder hinter der Wohnungstür. „Das ist die Intelligenz, die im Störfall einen Verbraucher abschaltet“, erklärt der Geschäftsführer von Stucke Elektronik aus Hamburg-Rahlstedt. Deren Schutz- und Steuerungsgeräte für Energieverteilung und -erzeugung sind allerdings wesentlich größer als die im heimischen Keller. Sie werden in Mittelspannungsanlagen auf Schiffen, in Notstromsystemen von Unikliniken oder etwa in den Trafohäuschen zwischen Solarfeldern verbaut.
Wahrer Hidden Champion
Im Internet stößt man bei der Suche nach Steuerungselektronik kaum auf den Namen Stucke Elektronik. Zwischen Treffern zu ABB, Siemens und Schneider taucht das Unternehmen selten auf. Das sei kein Problem, sondern Programm, so Stövhase, der 2022 zu Stucke zurückkehrte. „Wir leben viel von Mundpropaganda und von der extrem hohen Zuverlässigkeit unserer Produkte“, sagt Stövhase. Beides sei wichtig, da rund 70 Prozent der Geräte nicht den Namen Stucke tragen, sondern mit dem Logo des jeweiligen Kunden ausgeliefert werden. „Größeres Vertrauen eines Kunden können Sie nicht genießen“, ist der 59-Jährige überzeugt. Rund 10.000 multifunktionale Steuer- und Schutzgeräte werden jedes Jahr beim Hidden Champion in Rahlstedt hergestellt. Ein wichtiger Standort liegt in der serbischen Hauptstadt Belgrad. Dort sitzen Teile der Abteilungen Entwicklung und Außendienst. Hinzu kommen Standorte in Südkorea, China und Indien. Insgesamt beschäftigt die stucke-GROUP fast 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Maik Stövhase kennt Stucke seit Jahrzehnten. Ende der 1980er-Jahre schrieb der studierte Elektrotechniker dort seine Diplomarbeit. Dafür entwickelte er gemeinsam mit einem Kommilitonen – heute einer der Stucke-Mitgesellschafter – ein eigenes Schutzgerät. Diese Macher-Mentalität nah an der Praxis zeichnet Stövhase und seine Mitstreiter in der Unternehmensleitung bis heute aus.
„Wir leben viel von Mundpropaganda und von der extrem hohen Zuverlässigkeit unserer Produkte.“
Dominanz im Schiffbau
Knapp zwei Drittel des Umsatzes der stucke-GROUP entfallen auf den Schiffbau – dank Anfang der 2000er-Jahre geschlossenen Produktpartnerschaften mit zwei starken Stystemhäusern für Elektrotechnik der südkoreanischen Schiffbauindustrie. „Die verbauen in ihren Mittelspannungsschaltanlagen ausschließlich unsere Geräte. Das war ein entscheidender Schritt in der Unternehmensentwicklung“, so Stövhase. Außer der hohen Qualität der Produkte zeichnet sich Stucke durch Flexibilität aus. Sonderanforderungen oder kundenspezifische Funktionalitäten sind für Konzerne oft nicht darstellbar oder wenig interessant. Für Stucke hingegen gehören sie zum Alltag. Dazu kommt eine schnelle Lieferfähigkeit: Bestandskunden erhalten ihre Geräte meist innerhalb weniger Tage, Neukunden in der Regel innerhalb weniger Wochen. In dringenden Fällen geht es sogar noch schneller. Dieses Leistungsversprechen hat die stucke-GROUP auch während der Coronapandemie aufrechterhalten können. Stövhase erklärt in nüchternem Ton, warum ihm das wichtig ist: „Wenn ein Großkonzern ein halbes Jahr lang solche Geräte nicht liefern kann, passiert denen gar nichts. Wenn wir ein halbes Jahr lang nicht liefern können, dann gibt es uns nicht mehr.“ Deswegen sichere die Gruppe die Zusammenarbeit mit ihren Zulieferern von jeher stark ab.
„Made in Germany“ als Credo
Dass die gesamte Produktion in Deutschland bleibt, ist Stövhase sehr wichtig. Die Tochtergesellschaft in Indien rate ihm seit Jahren, die Endfertigung dorthin zu verlagern, um Kosten zu sparen. Stövhase folgt dem nicht: „Wir setzen auf ,Made in Germany‘. Alles, was wir produzieren und reparieren, findet ausschließlich in Hamburg statt.“ Auch fast alle Zulieferer kommen aus der Region oder zumindest aus Deutschland. „Made in Germany“ ist für Stövhase untrennbar verknüpft mit der enormen Zuverlässigkeit, für die Stuckes Schutz- und Steuerungsgeräte bekannt sind.
International ist hingegen die Belegschaft. Rund 20 Nationen sind unter den 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Hamburg vertreten. „Das funktioniert sehr gut“, sagt Stövhase zufrieden. Der Geschäftsführer selbst ist ein Globetrotter. Bereits nach dem Studium begann seine internationale Konzernkarriere: Für das auf Elektrifizierung und Automation spezialisierte Unternehmen ABB arbeitete er zunächst in Italien und Finnland, später in den USA, wo er mit Mitte 20 die Crew auf Kreuzfahrtschiffen in der Karibik schulte. „Es gibt kaum einen karibischen Ort, den ich nicht kenne, aber viele davon habe ich nur kurz vom Sonnendeck aus gesehen“, erinnert sich Stövhase lächelnd. Nach einem Zwischenstopp bei der MEYER WERFT ging es für ihn schließlich nach Singapur, der letzten Station seiner insgesamt 14 Jahre in den Diensten von ABB.
Vom Konzern in den Mittelstand
Mit Frau und drei Kindern zog Stövhase 2004 zurück nach Hamburg, wo er bei SAM Electronics anheuerte. 18 Jahre und zwei weitere Kinder später kam für ihn der nächste Moment zum Wechseln: Zwischenzeitlich hatte der finnische Technologiekonzern Wärtsilä SAM Electronics übernommen, und der erfahrene Manager erkannte: „Nach 32 Jahren Konzernleben wollte ich mal eine ganz kurze Kette zwischen Eigner und Endkunden erleben.“ Und ergänzt mit einem Augenzwinkern: „Kürzer als bei Stucke geht das nicht.“
Wissen über Qualitätsmanagement, Personalstrukturen und internationale Vertriebsroutinen, all das hat sich Stövhase im Laufe seines langen Konzernlebens angeeignet – und profitiert heute davon. „Wir konnten bei Stucke das Qualitätsmanagement und das Personalwesen neu aufsetzen und generell die Struktur verbessern“, sagt Stövhase, der in der stucke-GROUP zusätzlich zu seinem Posten als Geschäftsführer von Stucke Elektronik den Schiffbauvertrieb verantwortet.
„Alles, was wir produzieren und reparieren, findet ausschließlich in Hamburg statt.“
Produktionsvolumen erhöhen
Um die Fachkräftebasis langfristig zu sichern, hat die stucke-GROUP beispielsweise ihr Personalwesen ordentlich aufgerüstet, betreibt Social-Media-Recruiting, ist auf Jobmessen präsent und kooperiert mit Schulen. Stövhase und seine beiden Kollegen aus der stucke-GROUP-Leitung wollen ihr Geschäft langfristig betreiben. Deshalb hat das Unternehmen wenige hundert Meter vom Hamburger Standort entfernt ein Grundstück gekauft. Dort sollen neue Produktions- und Lagerflächen entstehen. Geplant sei außerdem ein Ausbildungszentrum, in dem künftig bis zu zwölf gewerbliche Auszubildende gleichzeitig ausgebildet werden können – Nachwuchs, den Stucke dringend benötigt. Stövhase sieht enorme Wachstumspotenziale für das Unternehmen. Ein neuer Produktpartner hat Jahresbedarfe in Aussicht gestellt, die das heutige Produktionsvolumen vervielfachen würden. Dennoch bleibt Stövhase gelassen: „So etwas kann immer mal passieren“, kommentiert er lakonisch. Man merkt, dass Stabilität ihm wichtig ist.
Seit die Kinder aus dem Haus sind, hat er auch wieder mehr Zeit für seine Hobbys. „Fußball habe ich immer und überall gespielt, aber“, sagt Stövhase schmunzelnd, „vor zehn Jahren habe ich dann altersgemäß auch mit dem Golfen begonnen.“ Doch dabei ist es nicht geblieben: Vor vier Jahren hat er ein Golfturnier wiederbelebt, das zuletzt rund 100 Menschen aus der Schiffbaubranche zusammengebracht hat. So verbindet Stövhase bis heute zwei Dinge, die ihn durch sein gesamtes Berufsleben begleitet haben: internationale Kontakte und persönliche Leidenschaft.

Stucke Elektronik / stuckeGROUP
Die Stucke Elektronik GmbH wurde 1968 in Hamburg gegründet und hat ihren heutigen Sitz im Stadtteil Rahlstedt. Mit rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Deutschland fertigt das Unternehmen elektronische Schutz- und Steuerungsgeräte für Energieverteilungs- und Energieerzeugungssysteme. Kerntechnologie ist die Schutztechnik für Nieder- und Mittelspannungsanlagen an Bord von Schiffen sowie in kritischer Infrastruktur an Land. Viele Geräte können auch nach Jahren noch repariert werden. Nachhaltigkeit ist somit ein selbstverständlicher Teil des Lebenszyklus von Stucke-Produkten.
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Fotos: Christian Augustin