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Reformen jetzt – damit Industrie Zukunft hat

Die Frühjahrs-Konjunkturumfrage der norddeutschen Arbeitgeberverbände zeigt: Die Belastungen für Betriebe nehmen weiter zu. NORDMETALL-Präsident Folkmar Ukena fordert von der Bundesregierung echte Strukturreformen.

„Die Krise der Industrie in Deutschland geht ins vierte Jahr, und ein Ende der Rezession ist leider immer noch nicht in Sicht“, resümiert NORDMETALL-Präsident Folkmar Ukena die Ergebnisse der Frühjahrs-Konjunkturumfrage 2026 der norddeutschen Arbeitgeberverbände. Bis Ende April haben sich 152 Mitgliedsbetriebe mit rund 106.400 Beschäftigten an der Umfrage von NORDMETALL, AGV NORD sowie den Arbeitgeberverbänden in Bremen, Oldenburg und Ostfriesland beteiligt. Die Rückmeldungen zeichnen ein klares Bild: Die Belastungen für die Betriebe nehmen weiter zu. „Weiter gestiegene Energie- und Materialpreise, immer höhere Arbeitskosten, die unvermindert schwierige Weltlage und die kaum verbesserten nationalen Rahmenbedingungen lassen keine Hoffnung aufkeimen“, so der Leeraner Familienunternehmer.

Die Zahlen bestätigen das: Die Kapazitätsauslastung von Maschinen und Anlagen der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie fällt auf 81,4 Prozent – ein Minimalwert, der nur während der Coronakrise vor fünf Jahren und der Finanzkrise 2009/2010 noch unterschritten wurde. Gleichzeitig sehen sich 41 Prozent der Unternehmen nicht mehr in der Lage, Kostensteigerungen durch Preiserhöhungen auszugleichen – ebenfalls ein Höchstwert seit Anfang 2021.

Grafik zeigt Kapazitätsauslastung mit 81,4% Minimalwert.

Lage bleibt weiterhin kritisch

Bei der aktuellen Geschäftslage bleibt die Stimmung gedrückt. Fast jeder dritte Betrieb in Norddeutschland bewertet seine Situation als unbefriedigend oder schlecht. Besonders angespannt ist die Lage im nordwestlichen Niedersachsen: Dort sprechen 45 Prozent der Unternehmen von einer kritischen oder sehr kritischen Situation, in Bremen nur 17 Prozent. Auch bei den Aufträgen zeigen sich Unterschiede: 36 Prozent der Firmen in Norddeutschland leiden unter Auftragsmangel, in Niedersachsen sogar 48 Prozent. Während bei den Metallerzeugern und Gießereien 63 Prozent über zu geringe Aufträge klagen und bei der Elektrotechnik sowie den Herstellern von Metallerzeugnissen jeweils die Hälfte betroffen ist, melden im Luft- und Raumfahrzeugbau nur zehn Prozent Auftragsmangel. Im Schiffbau berichtet derzeit kein Unternehmen davon.

Auch der Blick auf die kommenden sechs Monate bleibt verhalten. Nur 17 Prozent der Unternehmen rechnen mit einer Verbesserung der Geschäftslage. Mit 66 Prozent erwartet fast zwei Drittel deutliche Einbußen oder bestenfalls eine rote Null beim Umsatz. Vergleichsweise optimistisch sind die Hamburger Betriebe: Dort rechnen 47 Prozent mit Umsatzsteigerungen. In Mecklenburg-Vorpommern und Bremen erwarten nur 16 beziehungsweise 17 Prozent höhere Erlöse, im nordwestlichen Niedersachsen 33 Prozent.

Grafik zu Preiserhöhungen und Kostensteigerungen bei Unternehmen 2019-2026.

Differenziertes Bild beim Personal

Beim Personal zeigt sich ein differenziertes Bild. In den kommenden drei Monaten wollen 21 Prozent der Unternehmen Beschäftigung abbauen. 51 Prozent planen keine Veränderungen, 28 Prozent wollen einstellen. Rund vier von zehn Unternehmen des Straßenfahrzeugbaus sowie der Metallerzeugung und der Gießereien planen Stellenabbau, bei den Maschinenbauern sind es 30 Prozent. Gleichzeitig wollen 70 Prozent der Luft- und Raumfahrzeugbauer so wie 67 Prozent der Schiffbauer neue Beschäftigte einstellen. Regional ist der größte Personalabbau in Niedersachsen geplant: Dort wollen 33 Prozent der Betriebe Stellen reduzieren. Den stärksten Zuwachs erwartet Mecklenburg-Vorpommern mit 44 Prozent. Unter dem Strich ergibt sich da mit ein Einstellungsbedarf von rund 1.800 Personen.

Die Verfügbarkeit von Fachkräften bleibt herausfordernd, hat sich zuletzt aber etwas entspannt: 41 Prozent melden weiterhin eine schlechte oder unbefriedigende Situation – zehn Prozent weniger als im Herbst. Bei den Auszubildenden sehen 59 Prozent der Betriebe eine gute oder zufriedenstellende Verfügbarkeit geeigneter Bewerberinnen und Bewerber. In Mecklenburg-Vorpommern liegt dieser Wert bei 77 Prozent, im nordwestlichen Niedersachsen bei 51 Prozent.

Standort immer unattraktiver

Mit Sorge blicken viele Unternehmen zudem auf den Standort Deutschland. 57 Prozent der norddeutschen Industrieunternehmen sagen, dass sich dessen Attraktivität in den vergangenen sechs Monaten verschlechtert hat – im Herbst waren es noch 52 Prozent. Jeder vierte Betrieb plant weiterhin Produktionsverlagerungen ins Ausland. Fast 77 Prozent dieser Unternehmen planen Verlagerungen innerhalb der EU, jeweils knapp ein Viertel in den Fernen Osten oder nach China. Jeder dritte Betrieb denkt auch über eine Verlagerung von Forschung und Entwicklung nach. Als größte Belastungsfaktoren nennen die Unternehmen mit 83 Prozent die Arbeitskosten. Dahinter folgen Energiekosten mit 70 Prozent sowie Bürokratie in Deutschland und internationale Politik mit jeweils 63 Prozent. Mit Blick auf den Iran-Krieg erwarten 87 Prozent weiter steigende Energiekosten, 77 Prozent rechnen zudem mit höheren Materialkosten.

NORDMETALL-Präsident Folkmar Ukena konstatiert: „Die schwierige Lage großer Teile der norddeutschen Industrie hat sich nicht entspannt. Im Maschinenbau und in der Elektrotechnik, den Hauptbranchen der M+E-Industrie, stellt sich immer häufiger die Standortfrage. Auch Werften und Luft- sowie Raumfahrzeugbauer mit vollen Auftragsbüchern und Personalbedarf spüren den wachsenden Kostendruck. Weiter plant jeder vierte Betrieb der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie Produktionsverlagerungen ins Ausland, ein fortdauernder Höchstwert. Deutlich niedrigere Energiepreise sind in den Betrieben noch nicht angekommen, ausreichende Netzwerkkapazitäten fehlen allerorten, beherrschbare Arbeitskosten sind angesichts ausgebliebener Sozialreformen nicht in Sicht. Wenn nicht endlich eine Senkung von Steuern und Abgaben, ein massiver Abbau von Bürokratie und Überregulierung und eine Ausweitung und Flexibilisierung des Arbeitsangebots gelingen, wird die Verlagerung von Produktion ins Ausland weiter zunehmen. Viele Investitionsentscheidungen fallen jetzt. Wir M+E-Arbeitgeber im Norden brauchen Signale, dass es sich mittel- und längerfristig lohnt, weiter in heimische Standorte und Arbeitsplätze zu investieren. Deshalb erwarten wir, dass die Bundesregierung umgehend echte Strukturreformen angeht und umsetzt und die Betriebe nachhaltig entlastet.“

Grafik zeigt steigende Produktionsverlagerungen ins Ausland seit 2015.

Foto: Adobe Stock (studio v-zwoelf)

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