
Manuela Schwesig (51)
… wurde 1974 in Frankfurt (Oder) geboren und absolvierte nach dem Abitur in Brandenburg eine Ausbildung zur Diplom-Finanzwirtin. Im Jahr 2000 wechselte sie ins Schweriner Finanzamt, wo sie als Steuerfahndungsprüferin tätig war. 2003 trat sie in die SPD ein, gehörte bald dem Schweriner Stadtrat an und wurde 2008 zur Sozial- und Gesundheitsministerin in Mecklenburg-Vorpommern berufen. Von 2013 bis 2017 wirkte sie als Bundesfamilienministerin, seitdem ist sie Ministerpräsidentin in Mecklenburg-Vorpommern.

Daniel Peters (44)
… kam 1981 in Rostock zur Welt und schloss dort nach dem Abitur 2009 sein Studium der Politikwissenschaften und Neueren Geschichte Europas ab. 2014 wurde er für die CDU in die Rostocker Bürgerschaft gewählt, 2020 rückte er in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern nach. Seit 2024 führt er die Landes-CDU und Landtagsfraktion der Union.
Standpunkte: Laut Statistischem Landesamt sank die Zahl der Industriearbeitsplätze in Mecklenburg-Vorpommern zwischen 2020 und 2025 von knapp 53.000 auf unter 49.000, die Zahl der Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe mit mehr als 50 Beschäftigten von 325 auf 282. Wie kann es trotz des Konzepts der Landesregierung für ein „Industrieland Mecklenburg-Vorpommern 2030“ zu dieser schlechten Bilanz kommen?
Manuela Schwesig: Pandemie, Energiepreisschock und Lieferkettenprobleme haben vor allem energieintensive Branchen getroffen. „Industrieland Mecklenburg-Vorpommern 2030“ entstand mit der Wirtschaft und wird gemeinsam umgesetzt. Wir haben Investitionen unterstützt, neue Perspektiven im maritimen Bereich geschaffen und Wertschöpfung gesichert. Entscheidend ist: Wir haben nicht resigniert, sondern gehandelt.
Daniel Peters: Dass Unternehmen aufgeben und Arbeitsplätze verschwinden, ist besorgniserregend. Dahinter stehen Familien und ihre Existenz. Die rot-rote Landesregierung hat die in ihrem Konzept formulierten großen Ziele klar verfehlt. Viele Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe finden in Mecklenburg-Vorpommern nicht die Bedingungen, um auf nationalen und internationalen Märkten konkurrenzfähig zu sein. Das schwächt den Standort und treibt Fachkräfte in andere Regionen.
Standpunkte: Welche konkreten Schritte halten Sie künftig für notwendig, um Mecklenburg- Vorpommern vom Industrie-Schlusslicht unter den 16 Bundesländern weg nach vorn zu entwickeln?
Schwesig: Wir müssen unsere industrielle Basis verbreitern und modernisieren: mit aktiver Flächenpolitik, schnelleren Genehmigungen, Innovationsförderung und enger Zusammenarbeit von Hochschulen und Unternehmen. Mehr Wertschöpfung soll im Land bleiben – etwa durch erneuerbare Energien und den Aufbau der Wasserstoffwirtschaft. Industriearbeitsplätze entstehen dort, wo Investitionen willkommen sind und die Bedingungen stimmen.
Peters: Unternehmen müssen stärker unterstützt und beraten werden, um im Schulterschluss mit dem Land Investitionshindernisse aus dem Weg zu räumen. Mecklenburg-Vorpommern hat große Industrieflächen mit Erweiterungsmöglichkeiten, gute Anbindungen über die Häfen und liegt zwischen den Wirtschaftsräumen Hamburg und Berlin. Dazu kommt eine hohe Lebensqualität. Dies muss genutzt werden. Ein weiterer wichtiger Schritt ist der Abbau von Bürokratie durch Digitalisierung und das One-Stop-Shop-Prinzip, damit Unternehmen ihre Anliegen zentral erledigen können. Auch beim Fachkräftemangel muss das Land aktiver werden. Dazu gehören die Einführung eines Mecklenburg-Vorpommern-Baukindergeldes für Familien, einer Mecklenburg-Vorpommern-Azubiprämie und der Ausbau der Hochschulausbildung im Land.
Standpunkte: Wie kann der Wirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern verlässlich beziehbare und bezahlbare Energie zur Verfügung gestellt werden?
Schwesig: Mecklenburg-Vorpommern ist Netto-Stromexporteur und produziert mehr als doppelt so viel erneuerbare Energie, wie wir selbst verbrauchen. Diesen Vorteil nutzen wir industriell. Netzausbau, Wasserstoffprojekte und Energiehäfen treiben wir voran. Mecklenburg-Vorpommern hat in zwischen die zweitniedrigsten Netzentgelte bundesweit. Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit gehören zusammen.
Daniel Peters: Energiepolitik muss drei Ziele verbinden: Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit und bezahlbare Preise. Der Ausbau erneuerbarer Energien spielt dabei eine zentrale Rolle, vor allem Wind- und Solarenergie, für die Mecklenburg-Vorpommern gute Bedingungen hat. Gleichzeitig braucht es in den nächsten Jahren einen realistischen Energiemix, damit Energie verlässlich und bezahlbar bleibt. Auch einen staatlichen Ausgleich bei sehr hohen Stromkosten, wie einen „Mecklenburg-Vorpommern-Energie“-Ausgleichsbetrag stellen wir zur Diskussion.
Standpunkte: Prognosen sagen Mecklenburg-Vorpommern ein Anwachsen der Fachkräftelücke um bis zu neun Prozent im Jahr 2030 voraus. Was ist nötig, um Fachkräfte im Land zu halten und neue zu gewinnen?
Schwesig: Wir stärken Ausbildung, Berufsorientierung, Meisterförderung und bündeln internationale Verfahren in der Fachkräfteservicezentrale. Gute Arbeit und Tarifbindung bleiben entscheidend.
Peters: Mecklenburg-Vorpommern hat eine hohe Lebensqualität. Das ist ein klarer Standortvorteil. Viele Menschen arbeiten dort, wo sie sich wohlfühlen. Gleichzeitig braucht Mecklenburg-Vorpommern bessere Schulen, eine stärkere Berufsausbildung und attraktivere Hochschulen, damit junge Menschen bleiben. Am Ende entscheidet Konkretes: gute Löhne und verlässliche politische Rahmenbedingungen, von denen die rot-rote Landesregierung zu wenige schafft.
Standpunkte: Wie sollte sich das Verhältnis zwischen Landesregierung und Industrie künftig verändern, damit wirtschaftliche Expertise früher und verbindlicher in politische Entscheidungen einfließt?
Schwesig: Landesregierung und Industrie pflegen ein gutes Verhältnis. Ich setze auf partnerschaftlichen Dialog. Mit dem Zukunftsbündnis haben wir ein Format, in dem Wirtschaft, Gewerkschaften und Politik gemeinsam Strategien erarbeiten. Wirtschaftliche Expertise muss frühzeitig einfließen. Gleichzeitig bleibt es Aufgabe der Politik, Interessen abzuwägen und gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu tragen. Verlässlichkeit und klare Regeln sind für Investoren ebenso wichtig wie Mitgestaltung.
Peters: Die Landesregierung hat die Privatwirtschaft in einer Werbekampagne für den öffentlichen Dienst als Arbeitgeber zweiter Klasse dargestellt. Das sendet ein grundfalsches Signal. Die Ministerpräsidentin und ihr Kabinett müssen die Wirtschaft früher und verbindlicher einbeziehen. Wirtschaftsverbände sollten an Gesetzgebungsverfahren beteiligt werden, damit praktische Erfahrung in Entscheidungen einfließt und Bürokratie ab statt aufgebaut wird. Eine Voraussetzung dafür ist eine klar wirtschaftsfreundliche Haltung der Landesregierung. Wir als CDU hören den Anliegen der Unternehmen zu und behaupten nicht nur, das zu tun.
Standpunkte: In keinem Bundesland verlassen so viele Jugendliche die Schulen ohne Abschluss wie in Mecklenburg-Vorpommern – mehr als zehn Prozent. Was ist die Ursache dafür und wie gehen Sie dagegen vor?
Schwesig: Die Ursachen liegen oft in sozialen und strukturellen Problemen. Entscheidend ist, früh gegenzusteuern. Deshalb stärken wir die Sprachbildung in den Kitas, stellen zusätzliches Unterstützungspersonal ein und gewinnen neue Lehrkräfte. Mit dem Produktiven Lernen und dem Startchancenprogramm unterstützen wir gezielt Schulen mit besonderen Herausforderungen. Bildung bleibt der Schlüssel für gute Perspektiven und Fachkräftesicherung.
Peters: Diese dramatische Entwicklung ist nicht akzeptabel und wird von der CDU in der nächsten Landesregierung endlich angehen. Die Ursachen beginnen oft schon vor der Schule. Sprachliche und soziale Defizite führen dazu, dass viele Kinder ohne ausreichende Schulreife eingeschult werden. Deshalb müssen wir bereits in den Kitas mit einer verbindlichen und wirksamen Sprachförderung beginnen, da mit besonders Kinder mit Migrationshintergrund vor der Einschulung ausreichende Deutschkenntnisse erwerben.
Standpunkte: Welche Veränderungen sind nötig, damit Schulen, Berufsschulen und Hochschulen künftig besser auf die Bedarfe industrieller Arbeitgeber vorbereitet sind?
Schwesig: Wir brauchen mehr Praxisnähe und stärkeren Technologietransfer. Hochschulen kooperieren enger mit regionalen Unternehmen, besonders in Zukunftsfeldern wie Wasserstoff, Medizintechnik und maritimer Technologie. Innovation darf nicht im Labor enden, sondern muss in Produkte und Arbeitsplätze münden.
Daniel Peters: Es darf nicht länger am Bedarf der Wirtschaft vorbei ausgebildet werden. Schule, Ausbildung und Studium brauchen mehr Praxisnähe. Bildungseinrichtungen sollten enger mit Unternehmen und Kammern zusammenarbeiten. Praxisphasen, duale Studiengänge und studienbegleitende Praktika müssen stärker ausgebaut werden. Auch Ausbildungsinhalte sollten regelmäßig an die Anforderungen der Arbeitswelt angepasst werden.
Standpunkte: Viele Unternehmen beklagen lange Planungs- und Genehmigungsverfahren. Wie können Investitionen im Land schneller umgesetzt werden, ohne Umwelt- und andere Standards abzusenken? Schwesig: Wir haben Genehmigungsbehörden gestärkt und Zuständigkeiten gebündelt. Künftig sorgen zentrale Ansprechstellen, mehr Digitalisierung, klare Fristen und transparente Abläufe für schnellere Verfahren – ohne Umwelt- oder Arbeitsschutzstandards zu senken.
Peters: Die Ministerpräsidentin und ihr Kabinett haben zu wenig getan, um Abläufe in den Verwaltungen digitaler, transparenter und effizienter zu organisieren. Das wird die CDU ändern. Wichtig ist eine klare One-Stop-Shop-Struktur. Unternehmen reichen Unterlagen an einer zentralen Stelle ein und die Verwaltung koordiniert die Verfahren. Gleichzeitig müssen Regeln auf ihre Sinnhaftigkeit geprüft und Prozesse vereinfacht werden. Und wir brauchen die Genehmigungsfiktion, also das automatische „Go“ für Antragssteller, wenn Behörden nicht in einer überschaubaren Zeit entscheiden.
Standpunkte: Wie kann der Industriestandort Mecklenburg-Vorpommern abseitsfinanzieller Förderung durch das Land attraktiver werden?
Schwesig: Attraktivität entsteht durch Standortqualität: verfügbare Industrieflächen, grüne Energie, gute Infrastruktur, hohe Lebensqualität und soziale Stabilität. Mit dem Tariftreuegesetz setzen wir zudem faire Wettbewerbsbedingungen bei öffentlichen Aufträgen. Beitragsfreie Kita, moderater Wohnungsmarkt und gute Mobilität sind Standortfaktoren im Wettbewerb um Fachkräfte und Investoren.
„Es darf nicht länger am Bedarf der Wirtschaft vorbei ausgebildet werden.“
Daniel Peters MdL
Peters: Ein entscheidender Hebel ist die stärkere Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft, was die derzeitige Landesregierung vernachlässigt. Hochschulen sollten Gründungen und Technologietransfer als Kernauftrag sehen. Hightech-Cluster, also Kooperationen von Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Start-ups, Industrie und Mittelstand, stärken Innovation. Ebenso wichtig ist der Ausbau moderner Infrastruktur: Häfen, Schienenverbindungen und digitale Netze.
Standpunkte: Wie sieht Mecklenburg-Vorpommern im Jahr 2035 als Industrie- und Arbeitsstandort aus, und welche politischen Entscheidungen müssen dafür heute eingeleitet werden?
Schwesig: 2035 ist Mecklenburg-Vorpommern moderner Industriestandort mit starker maritimer Wirtschaft, Wasserstoff, innovativem Mittelstand und tarifgebundenen Jobs. Dafür beschleunigen wir Verfahren, sichern Flächen, bauen Netze aus und investieren in Bildung.
Peters: Mecklenburg-Vorpommern hat sich dann zu einem innovationsstärkeren Unternehmensstandort entwickelt. Forschung und Wirtschaft arbeiten enger zusammen, qualifizierte Arbeitsplätze entstehen im Land und Fachkräfte entscheiden sich bewusst für Mecklenburg-Vorpommern. Damit das gelingt, müssen Wirtschafts-, Forschungs- und Finanzpolitik auf Innovation, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit aus gerichtet werden. Wirtschaftswachstum entsteht durch politische Entscheidungen und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.
Standpunkte: Die Werften in Mecklenburg-Vorpommern waren viele Jahre in unruhigem Fahrwasser. Durch den Einstieg des Bundes und die Fokussierung auf den grauen Schiffbau scheint sich die Lage hier beruhigt zu haben. Was muss das Land tun, um diese Entwicklung zu verstetigen?
„Wir müssen unsere industrielle Basis verbreitern und modernisieren.“
Manuela Schwesig MdL
Schwesig: Nach der Insolvenz der MV-Werften haben wir neue Perspektiven geschaffen: das Marinearsenal in Rostock, Entwicklungen in Wismar, einen maritimen Gewerbepark in Stralsund und Aufträge in Wolgast. Diese Standorte müssen weiter infrastrukturell und innovationspolitisch gestärkt werden. Wir müssen die Interessen von Mecklenburg-Vorpommern weiter mit starker Stimme im Bund vertreten.
Peters: Die Werften sind ein klarer Standortvorteil. Das Land muss den Marineschiffbau in Mecklenburg-Vorpommern gezielter unterstützen. Dazu gehören bessere Infrastruktur, schnellere Genehmigungen, Maßnahmen zur Fachkräftegewinnung und die politische Unterstützung.
Standpunkte: Deutschland investiert in seine Sicherheit, Milliarden stehen zur Verfügung. Wie kann Mecklenburg-Vorpommern stärker hiervon profitieren? Und warum wird die „Zivilklausel“ beziehungsweise „Friedensverpflichtung“ der Hochschulen in Mecklenburg-Vorpommern nicht abgeschafft?
Schwesig: Mecklenburg-Vorpommern profitiert bereits sehr stark von den Investitionen in die Sicherheit durch Aufträge an mehreren Werftstandorten. Dazu kommen Investitionen in die Infrastruktur, davon profitieren auch Zulieferer und weitere Betriebe. Unser Land genießt im Bund großes Vertrauen für solche Investitionen. Das müssen wir sichern, damit Wertschöpfung hierbleibt. Hochschulen sind Orte der Freiheit. Forschung im Rahmen von Recht und Verfassung ist möglich.
Peters: Die Zivilklausel ist aus der Zeit gefallen. Die sicherheitspolitische Lage und neue Konflikte zeigen, dass Deutschland seine Verteidigungsfähigkeit stärken muss. Dazu gehört auch Forschung für militärische Zwecke. Wenn Hochschulen dazu beitragen, verdienen sie politische Unterstützung.
Fotos: Susie Knoll, CDU MV