Junge Frau liest auf Büchern sitzend, Wegweiser zeigt Zukunft, Schule, Ausbildung. Junge Frau liest auf Büchern sitzend, Wegweiser zeigt Zukunft, Schule, Ausbildung.

Hopping mit Wirkung

Das Praktikum ist kein nettes Extra – es ist strategisches Recruiting, vor allem dann, wenn es gut vorbereitet und begleitet wird. Neue Modelle wie fach- und berufsübergreifendes Hopping oder Gruppenangebote sind bereits in der Metall- und Elektroindustrie im Einsatz.

Schon die Bewerbung fürs Schulpraktikum kann der Start ins Berufsleben sein: Weder KI-Tools noch Vitamin B helfen auf dem Karriereportal von Fette Compacting weiter, sobald die Unterlagen hochgeladen sind. Stattdessen müssen Jugendliche andere junge Menschen von sich überzeugen: Es sind dual Studierende oder Azubis, die Bewerbungen sichten, zur Videokonferenz einladen und am Ende mitentscheiden. „Immer zwei Azubis oder Studenten führen das Kennenlerngespräch durch, ich konnte mich aus diesem Prozess weitgehend herausziehen“, sagt Bärbel Brüggmann, die beim auf Tablettenpressen spezialisierten Maschinenbauer für Aus- und Weiterbildung zuständig ist.

Zwischen 70 und 80 junge Menschen sind am Standort Schwarzenbek gleichzeitig in der Ausbildung und kümmern sich auch um die Schülerpraktikantinnen und -praktikanten. Der Altersunterschied ist klein, die Sprache ähnlich – doch nicht immer springt der Funke über. „Mensch Bärbel, der ist so gelangweilt, der guckt nur aufs Handy, da wird so ein Tag in der Praktikantenbetreuung richtig lang“, hätten sich Azubis bei ihr beschwert, erzählt Brüggmann. Der Austausch unter Nachwuchskräften soll genau das verhindern. „Die Azubis finden heraus, wer das Praktikum als lästige Pflichtveranstaltung sieht oder wer eigene Fragestellungen mitbringt: Nur wer uns tatsächlich kennenlernen will, bekommt auch einen Platz für das Wirtschaftspraktikum“, so die Kaufmännische Ausbilderin.

Heute für Nachwuchs von morgen sorgen

Zwei Arten von Schulpraktika bietet das Unternehmen an. Im gewerblich-technischen Bereich begleiten Azubis durch den Tag und leiten an: Die Praktikanten und Praktikantinnen übernehmen kleine Aufgaben in Berufsfeldern wie Mechatronik oder Zerspanung. Das kaufmännische Modell setzt auch auf Gruppen: Bis zu zwölf Jugendliche durchlaufen gemeinsam ein 14-tägiges Programm. Es reicht vom Teambuilding über Module in der Ausbildungswerkstatt bis zu Azubi-Vorträgen aus Bereichen wie Industrial Engineering, Sales oder Legal. „Das ist für uns ein ganz hoher Arbeitsaufwand“, betont Brüggmann. Doch der lohne sich: Nachwuchskräfte übernehmen Verantwortung, zugleich lernen mehr Jugendliche das Unternehmen kennen. „Wir bekommen allein im kaufmännischen Bereich im Schnitt 80 Bewerbungen auf ein- und denselben Slot – und müssen dank Gruppenmodell nicht mehr ganz so viele Absagen verschicken“, so Brüggmann.

Praktika sind ein bewährter Weg der Nachwuchsgewinnung: 82 Prozent der Betriebe der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie setzen laut Ausbildungsumfrage von NORDMETALL und AGV NORD darauf. Für viele Unternehmen ist das die Bewährungsprobe vor dem Ausbildungsstart. „Ein Praktikum ist das beste Bewerbungsgespräch. So erfahren beide Seiten, was sie voneinander für eine mögliche Ausbildung wissen müssen“, sagt Janek Goertz, Ausbilder bei BAADER. Beim Lübecker Spezialmaschinenbauer absolvieren jährlich rund 40 Jugendliche ein Praktikum.

Doch für viele ist die Berufswahl bei mehr als 300 Ausbildungsberufen und Tausenden Studiengängen komplex. „Wer soll sich da noch zurechtfinden“, fragt Imke Kuhlmann, NORDMETALL-Referentin für Nachwuchsgewinnung, und liefert die Antwort gleich mit: „Je mehr Praxis, umso besser die Orientierung.“ Unternehmenstage seien eine Vorstufe zum Praktikum, Kooperationen im Handwerk eine Vorlage. „Einige Unternehmen bieten ein Praktikums-Hopping: Ein junger Mensch lernt innerhalb eines Praktikums verschiedene Unternehmen beziehungsweise Berufe kennen oder auch beides.

“So vermittelt Airbus in Bremen mit seinem Praktikumskonzept verschiedene Berufsbilder und handwerkliche Ausbildungspraxis an den Luft- und Raumfahrt-Nachwuchs. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erleben über einen Zeitraum von drei Wochen unterschiedliche Fachbereiche und durchlaufen das Unternehmen nicht in starren Blöcken, sondern in einem fließenden Lernprozess. Die erste Woche verbringen die Schülerinnen und Schüler gemeinsam in der neu eingerichteten Praktikantenwerkstatt – egal, ob sie sich für den Schwerpunkt Produktion, Engineering oder IT/Finance beworben haben. „Angeleitet von unseren AIRzubis, also den Auszubildenden und dual Studierenden, bauen die Jugendlichen ein Doppeldeckerflugzeug und lernen dabei Fluggerätmechanik-Skills wie Feilen, Sägen, Nieten, Bohren“, sagt Projektleiterin Lara Ehlting.

Differenziert wird erst ab Woche zwei: Wer sich für die Produktion interessiert, kann einen Blick hinter die Kulissen der verschiedenen Werkshallen am Standort werfen. Die Stationen reichen von der Landeklappenfertigung und Flügelausrüstung über die A400M-Rumpfmontage bis hin zum Reinraum bei ArianeGroup. Ein Praktikum am Standort Bremen ermöglicht ausgewählte Einblicke in sechzehn Fachabteilungen aus vier Geschäftsbereichen – und damit Hopping. „Die Teilnehmenden lernen jede Woche ein anderes Produkt kennen“, sagt Ehlting. Und schnuppern in eine andere Berufswelt hinein: Auf die Arbeit in den Montagehallen folgt in der dritten Woche häufig ein Blick ins Qualitätsmanagement, um den jungen Menschen zu zeigen, wie viel Arbeit, Präzision und Verantwortung in der sicheren Herstellung von Flugzeugen steckt.

Vielfalt in vierzehn Praxistage bringen

Auch ohne den Begriff Hopping zeigen viele Schulpraktika schon heute ein breites Spektrum an Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten. Wer bei Fette Compacting ein individuelles Wirtschaftspraktikum absolviert, ist oft jeden Tag mit anderen Azubis oder Studierenden unterwegs und lernt so bis zu zehn Abteilungen in zehn Tagen kennen. Bei BAADER sind es maximal vier von zehn Bereichen – je nach Interesse. Wer noch keine klare Vorstellung hat, bekommt Einblicke etwa in Elektromontage, Qualitätssicherung, technisches Zeichnen oder Zentrallager. Wer bereits konkrete Wünsche mitbringt, vertieft diese gezielt. So verbringt etwa ein an Mechatronik interessierter Praktikant eine Woche in der Elektromontage, ergänzt um Erfahrungen in der Blechbearbeitung und Qualitätskontrolle. „Jedes Praktikum lässt sich individuell anpassen“, sagt BAADER-Ausbilder Goertz. „Wir wollen Neugier und Interesse fördern und auf keinen Fall bremsen.“

Das Beste am Praktikums-Hopping: es erhöht die Trefferquote. Das weiß auch Bärbel Brüggmann von Fette Compacting. Eine ehemalige Gruppenpraktikantin ist dort inzwischen Teamleiterin Sales – und kein Einzelfall.

NORDMETALL-Tools rund ums Schülerpraktikum

Das Projekt MINT4girls bietet Berufsorientierung, praktische Workshops und Betriebsbesichtigungen für Mittelstufenschülerinnen. Es mündet in ein Schulpraktikum im MINT-Bereich.

→ Der InfoTruck ist die mobile Berufsinformation der Branche – bei den Betrieben vor Ort ermöglicht der Truck Erstkontakt, Austausch und künftige Praktika.

→ Unternehmenstage, die der Nachwuchsclub nordbord organisiert, gleichen freiwilligen „Tagespraktika“.

SchuleWirtschaft bietet Vorlagen für die Vertragsgestaltung und Checklisten.

→ Über das M+E-Karriereportal Zukunftsindustrie können kostenfrei Stellenanzeigen, auch für Praktika, eingestellt werden.

Links zu den Projekten:

MINT4girls https://wir-bilden-den-norden.de/projekte/mint-4-girls/ 

InfoTruck https://www.zukunftsindustrie.de/m-e-vor-ort/der-infotruck

Nordbord https://www.nordbord.de/ 

SchuleWirtschaft https://www.schulewirtschaft.de/ 

Zukunftsindustrie https://www.zukunftsindustrie.de/ 

Kontakt:
Imke Kuhlmann
Nachwuchsgewinnung
Tel.: 040 6378-4204
E-Mail: kuhlmann@nordmetall.de

Mathias Engel
Ausbildung und Studium
Tel.: 040 6378-4217
E-Mail: engel@nordmetall.de

Illustrationen: Adobe Stock (IMGvisualsCharcacters, masnik, Digital Dreamscaping)

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