Wir kennen das aus vielen Mitgliedsbetrieben: Da will ein norddeutsches Industrieunternehmen, das bereits hunderte, teilweise tausende Arbeitsplätze bietet, weiter expandieren. Auf der Wiese um die Ecke sollen neben den vorhandenen Werkshallen neue Gebäude mit neuen Produktionsstraßen und neuen Arbeitsplätzen entstehen. Planungen laufen, Genehmigungen sind beantragt – und dann taucht eine Pflanze oder ein Tier auf – manchmal sind es auch mehrere –, das die anvisierte Erweiterungsfläche besiedelt. Das war es dann meistens mit dem Ausbau, mindestens für Jahre, manchmal für immer.
Ein besonders grotesker Fall des völlig überzogenen Naturschutzes durch den Staat hat sich nun in Berlin ereignet, wo geschätzt um die 50.000 Wohnungen fehlen: Ein Investor will in Marzahn 1.600 neue Apartments bauen, kostengünstig und zu 80 Prozent förderfähig. Dazu eine Kita mit mehr als 140 Plätzen, 23.000 Quadratmeter Gewerbefläche und 47.000 für Handwerkerhöfe. Und dann kriechen fünf Zauneidechsen übers Feld, im Jahre 2020. Seitdem wurden die Vierbeiner trotz intensiver Baufeld-Beobachtung zwar nicht mehr gesehen, gleichwohl lässt sich die Oberste Naturschutzbehörde Berlins gute vier Jahre später herab, als Zauneidechsen-Ausgleichsmaßnahme ein mehr als 10.000 Quadratmeter großes Ersatzhabitat anzuordnen, inklusive 25 Jahre Pflege. Außer dem 45 Fledermaus-Kästen, obwohl niemand die Tiere vor Augen hatte, angeblich aber deren Laute identifiziert wurden. Und noch gut 60 Brutkästen für allerlei Vogelarten. Kosten punkt für drei Zauneidechsen-Laichgewässer, fünf Steinhaufen, zwölf Rohbodenstandorte, 13 Reptilienburgen, 16 Totholzhaufen, 115 Dornsträucher inklusive Gutachten, ökologische Baubegleitung, Dachbegrünung, Bürgschaftskosten und ein Vierteljahrhundert Pflege: gute 4,5 Millionen Euro.
Gebaut wird übrigens in Marzahn derzeit trotz dem nicht: Die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz hat in Sachen Zauneidechsen-Missachtung – oder so ähnlich – Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt – Baustopp ist die Folge. Ist ja auch nicht so wichtig, dass Hunderttau sende Menschen in Berlin und ganz Deutschland händeringend bezahlbaren Wohnraum suchen, dass Firmen neue Werkshallen und neue Arbeitsplätze schaffen – Hauptsache fünf vor sechs Jahren gesichtete Zauneidechsen kriechen weiter fröhlich durchs Berliner Unterholz.
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Foto: Christian Augustin