Nach 17 Jahren Stillstand war es endlich so weit: In Bad Segeberg erfolgte Ende Mai der Spatenstich für den Weiterbau der A20. Für UV-Nord-Präsident Dr. Philipp Murmann ein gutes Signal: „Die Wirtschaft wartet seit Jahren sehnsüchtig auf ‚freie Fahrt‘ auf einer A20 mit einer zusätzlichen Elbquerung.“ Staus kosteten die norddeutsche Wirtschaft „täglich viel Geld“.
Nach einer Klage von Umweltverbänden hatte das Bundesverwaltungsgericht den Weiterbau gestoppt. Erst Ende 2025 gab es eine außergerichtliche Einigung: das Land Schleswig-Holstein zahlt 14 Millionen Euro an eine Stiftung für den Schutz von Fledermäusen. Schleswig- Holsteins Wirtschafts- und Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen (CDU) kommentierte die Einigung damals so: „Es ist deutlich sinnvoller, das Geld in den Naturschutz in Schleswig-Holstein als in Gerichtskosten oder Baukostensteigerungen zu investieren.“ Bislang sind erst 39 der geplanten 112 Kilometer in Schleswig-Holstein gebaut. Minister Madsen hofft, dass die Autobahn 2031 fertig ist.
Kündigungsgrund Verkehrslage
Darauf hoffen auch viele Mitgliedsunternehmen von NORDMETALL und AGV NORD. Die A20 gehört zu den Straßenverkehrsprojekten, die zusätzlich zum Ausbau der A1 und der A7 für die Mehrzahl von ihnen essenziell sind. Das ergab eine Umfrage im Mai dieses Jahres unter mehr als 170 Mitgliedsbetrieben in Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und dem nordwestlichen Niedersachsen. Demnach erschweren insbesondere Staus auf den Autobahnen Arbeitswege, Dienstfahrten und Lieferungen. Vor allem Unternehmen aus den Stadtstaaten an Elbe und Weser sind stark betroffen (55 bzw. 41 Prozent). Hinzu kommt, dass auch die Behinderungen auf Bundesstraßen von Hamburger und Bremer Unternehmen als „sehr groß“ empfunden werden (22 bzw. 18 Prozent). In Mecklenburg-Vorpommern bemängeln Betriebe hingegen vor allem Probleme mit dem öffentlichen Nah- und dem Bahnverkehr. Jeweils rund ein Drittel der befragten Unternehmen zeigten sich diesbezüglich unzufrieden.
Mittlerweile komme es sogar zu Kündigungen, da Beschäftigte den Anfahrtsweg und die Verkehrssituation nicht mehr hinnehmen wollen. Laut Aussagen der befragten Unternehmen seien das keine Einzelfälle. Auch Kunden vermieden bei akuten Verkehrsproblemen den Besuch der betroffenen Standorte.
Küsten-Minister erneuern Projektliste
Die Politik im Norden ist um eine Verbesserung der Lage bemüht. Insgesamt 43 Verkehrsinfrastrukturprojekte auf Straßen, Schienen und Wasserwegen sollen mit Priorität fertiggestellt werden. Darauf hatte sich die „Küsten- Ministerkonferenz“ im November vergangenen Jahres in Büsum geeinigt. Diese „Büsumer Liste“ löst die „Ahrensburger Liste“ von 2008 ab, auf der 24 Verkehrsprojekten standen.
Damit wollen die norddeutschen Verkehrsminister die gesamte norddeutsche Region mit den Seehäfen als logistisches Drehkreuz stärken. Auch der wachsenden Bedeutung militärischer Mobilität und der bundesweiten Energieversorgung soll dadurch Rechnung getragen werden.
Herausforderungen der Windindustrie
Für die Wirtschaft im Norden ist eine erfolgreiche und zeitnahe Umsetzung dieser Projekte entscheidend, steht sie doch teilweise vor besonderen Herausforderungen, etwa die Onshore-Windindustrie mit ihren aufwändigen Transporten.
Ein Rotorblatttransport erreiche eine Länge von bis zu 96 Metern, während bei den Transporten für Turmsegmente ein Gesamtgewicht von über 150 Tonnen erzielt werden könne, berichtet ein Unternehmenssprecher des Windkraftanlagenherstellers Siemens Gamesa Renewable Energy. Die Herausforderungen sein immens: Baustellen, abgelastete Brücken und fehlende Rastplätze führten „zu teilweise irrwitzigen Umwegen und Verzögerungen“.
„Kurzfristig bauen wir auf Pragmatismus bei den Genehmigungen, sodass wir beispielsweise von Autobahnen unter Berücksichtigung der Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer rückwärts abfahren dürfen, um enge Kurven mit den Rotorblättern umgehen zu können“, sagt Benjamin Janbeck, Logistikmanager bei Siemens Gamesa. Pro Anlage können bis zu 16 Schwertransporte notwendig sein – nur für den Transport der Komponenten. Für den Aufbau des Krans kommen weitere Fahrten hinzu.
„Wichtig ist, dass Baustellen so eingerichtet werden, dass Großraum- und Schwertransporte sie weiterhin durchfahren können beziehungsweise den Anforderungen entsprechende Ausweichstrecken angeboten werden“, sagt Janbeck. Die Elbbrücken müssten verlässlich zur Verfügung stehen, zudem könne ein schwerlastfähiger Ausbau um Bremen helfen, mehrere niedersächsische Häfen besser an das Autobahnnetz anzubinden und den Druck von Cuxhaven zu nehmen.
Auch die A14 von Schwerin in Richtung Magdeburg schätzt ein Sprecher von Siemens Gamesa als „unbedingt sinnvoll“ ein, um das nördliche bis südliche Ostdeutschland besser anzubinden. Dabei müsse allerdings ein entsprechender Übergang von der A21 auf die A14 gewährleistet sein. In die gleiche Kategorie falle der Ausbau der B96 von Sassnitz nach Berlin.
Verzögerungen belasten Budget
In und um Greifswald sind die 80 Beschäftigten der Orthopädie-Technik-Service aktiv GmbH vor allem auf die Straße angewiesen. „20 bis 25 davon sind regelmäßig im Außendienst unterwegs. In der Regel in einem Radius von bis zu 40 Kilometern“, berichtet Geschäftsführer Frank Starkowski. Bei besonderen Versorgungsfällen könne es aber auch mal nach Rostock oder Wismar gehen. „Eine funktionierende Infrastruktur ist da schon hilfreich“, sagt Starkowski, „denn Verzögerungen belasten auch unser Budget.“
Als Nadelöhr in Greifswald entpuppe sich immer wieder die Brücke bei Usedom in Richtung Polen. „Wie bei so vielen Straßenprojekten werden auch hier die Bauarbeiten meist in die Sommermonate verlagert, wenn hier wegen der Urlaubszeit sowieso schon viel Betrieb auf den Straßen ist.“ Starkowski fordert deshalb eine stärker vorausschauende Planung. Ein Umstieg auf die Bahn ist für ihn trotz der in der „Büsumer Liste“ geplanten Ausbaustrecken in seiner Region schwer vorstellbar: „Das Modell des Regionalverkehrs mit den langen Reisezeiten und der mangelnden Verfügbarkeit erscheint mir besonders für den Service- Betrieb nicht mehr zeitgemäß und trägt leider nicht dazu bei, die ökologisch sinnvollere Alternative zu wählen und das Auto zu verlassen.“



Autoren: Helmut Reich/Birte Bühnen
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